Nach seiner Verdrängungsschelte von der Zweiten Schuld, die zu heftigen Debatten führte und inzwischen zum Schlagwort gerann, hat Ralph Giordano jetzt, in einer Art Fortsetzungsschrift, die Traditionslüge in der Bundeswehr aufs Korn genommen. Mit seiner Polemik gegen den "Kriegerkult" in den Streitkräften trifft er einen wunden Punkt der militärischen Traditionspflege. Denn seit ihrer Gründung vor 45 Jahren steckt die bundesdeutsche Kompromissarmee in der Klemme zwischen dem erklärten und institutionell fixierten Reformziel eines demokratischen Neubeginns und dem nahezu ungebrochenen Geltungsanspruch des militärischen Erbes.

Die personellen Kontinuitäten zwischen Wehrmacht und Bundeswehr sorgten seinerzeit dafür, dass die "verfluchte Frage" (Heusinger) der Tradition sorgsam in der Schwebe blieb. Da sollte für die Widerständler des 20. Juli ebenso Raum sein wie für viele von Hitlers gehorsamen Feldherren. Ein schwieriger Spagat! Also glaubte man, sich auf den kleinsten moralischen Nenner verständigen zu können, und das waren die ewigen und immer gültigen Werte und Tugenden des Soldatentums. Peinlich nur, dass damit das Traditionsdilemma erst richtig festgeklopft war. Denn mit den "ewigen Werten" konnte man Durchhalte- und Aggressionsstrategen zu Vorbildern verklären, die man unter demokratischen Auspizien besser außen vor gelassen hätte. Die Kasernenpatrone, über deren Vita Giordano beredte Klage führt, geben einen nachhaltigen Eindruck von der Traditionsmelange in den Streitkräften.

Giordano nutzt die - oft von persönlichen Reminiszenzen unterbrochene - Darstellung der jahrelangen Traditionsdebatte, um in ausführlichen Exkursen interessante Schlaglichter auf die Militärgeschichte der letzten 200 Jahre zu werfen. Er macht deutlich, wo die Crux des Traditionsverständnisses - bis heute - liegt. Es ist die Gretchenfrage: Wie hälst du's mit der Wehrmacht?

Inzwischen ist offiziell geklärt, dass "die Wehrmacht als Institution" keine Tradition stifte und Soldaten nur in Ansehen ihrer "gesamten Persönlichkeit" gewürdigt werden sollen. Giordano kann dazu ein internes Bundeswehrgutachten von 1999 zitieren, in dem es heißt: "Die Trennung, daß anständige Soldaten einen anständigen Krieg und unanständige Soldaten einen unanständigen Krieg geführt haben, ist nicht durchzuhalten."

Aber die Rückwirkungen solcher Einsichten auf das Soldatenbild und die ominösen Kämpferideale lassen noch immer auf sich warten. Noch verharrt die Bundeswehr in ihrem anstrengenden Traditionsspagat, anstatt zu begreifen, dass es sich nicht ausschließen muss, Respekt für namhafte wie namenlose Soldaten zu empfinden, "die ehrenhaft und in gutem Glauben gekämpft" hatten, ohne sie zugleich - wie im Falle der Rommel, Mölders, Lütjens oder Student - mit dem Odium eines Kriegskults zu umgeben und sie mittels Namenspolitik programmatisch zu Vorbildern zu stilisieren.

Giordano unterstreicht zu Recht, dass eine Armee, die humanitäre Einsätze zu ihrem Programm erhoben hat, mit einer Fixierung auf Kämpfertypen die gebotene Aufmerksamkeit für jene Klientel vermissen lässt, auf die sich doch die Anstrengungen des "Rettens, Helfens und Schützens" richten - die Opferseite und die Zivilbevölkerung. Da gibt es noch einiges zu tun. Packen Sie's an, Herr Scharping!

Ralph Giordano: Die Traditionslüge