Sie waren drei, und Sabine Bau war die Dritte.Sie war nicht schlechter als die beiden anderen, bloß stiller, und sie mischte sich nicht in das Duell ein, das für die Öffentlichkeit mitunter die Dämonie einer Seifenoper annahm: Denver in Tauberbischofsheim.Dort trainierten und lebten sie. Anja Fichtel, die Blonde.Smart, kaltschnäuzig, eine rücksichtslose Kämpferin für die eigene Sache mit und ohne Florett.Zita Funkenhauser, die dunkle Schönheit, eigensinnig, gefühlsgeladen.Und sie, Sabine Bau, die Ausgeglichene, Stille, die Ruhige im Hintergrund. Im wichtigsten Wettstreit ihrer Laufbahn war Sabine Bau zu glücklich, um zu gewinnen.An jenem 22.September 1988 kämpfte sie in Seoul gegen Anja Fichtel um den Olympiasieg.Sie war die jüngste im Team, gerade 19 geworden, nie im Leben hätte sie mit einer Medaille gerechnet.Im Halbfinale hatte sie Zita Funkenhauser besiegt, zum ersten Mal überhaupt.Am Ende standen die drei - Gold, Silber, Bronze um den Hals - auf dem Siegerpodest.Später gewannen sie auch noch Gold im Mannschaftswettbewerb. Mehr gibt es bei Olympischen Spielen für ein Florett-Team nicht zu gewinnen, und hätten sie einander wie die drei Musketiere auch noch unverbrüchliche Freundschaft geschworen, das Märchen wäre vollkommen gewesen. Wir waren einfach nur ein ungeheuer homogenes Team, sagt Sabine Bau. Zwölf Jahre später sind Anja Fichtel und Zita Funkenhauser längst verheiratet und haben je zwei Kinder.Sabine Bau aber tritt mit 31 Jahren in Sydney noch einmal als Olympiafavoritin an. Ehrlich gesagt rechne ich gar nicht mit einer Medaille, sagt sie.Hat sie damals auch gesagt, denkt man und betrachtet dieses ruhige Gesicht, in dessen Unverbrauchtheit etwas Mädchenhaftes liegt. Es gibt Menschen, die werden unterschätzt, weil man sie nicht gleich erkennt. Und man erkennt sie nicht gleich, weil sie einem ihre Persönlichkeit nicht aufdrängen.Befindet man sich dann mit ihnen in einer Konfliktsituation, kann man sein blaues Wunder erleben.Wer würde zum Beispiel der gelassenen, freundlichen Sabine Bau diesen heimtückischen Stoß auf der Planche zutrauen? Sie ist so lang mit ihren 1,80 Metern, und die Lücke zwischen den Kämpfenden ist bei dieser Angriffsaktion so eng, dass es unmöglich scheint, mit dem 1,10 Meter langen Florett noch einen Treffer zu setzen.Und da verwindet sich ihr Oberkörper, der Arm krümmt sich seitwärts über die Brust, das Handgelenk kippt nach vorn, und die Klinge trifft.Kein Zufall, sondern Sabine Baus Spezialstoß. Ich liebe am Fechten diese Kombination aus Spiel und Kampf.Den anderen zu veräppeln durch Finten oder Spezialaktionen.Wenn sie denkt, jetzt trifft sie mich nicht mehr, und - zack! - ist sie doch noch getroffen und ärgert sich halb tot.Die reine Wonne erscheint auf ihrem Gesicht. Das finde ich sehr amüsant.Gerade dieses Hin und Her, dieses auf der Hut sein, dass es einen nicht selber erwischt.Es ärgert einen ja nichts mehr, als wenn man sich eine Aktion ausdenkt und alles funktioniert, und in dem Moment, da man zustoßen will, duckt sich der Gegner und stößt selber. In den 14 Jahren, seit sie als 17-jährige Schülerin ihre erste Medaille bei einer Weltmeisterschaft gewann, Silber, hat sich dieser Reiz nicht verbraucht.Fechten bietet ihr ein Aktionsfeld für eine Seite ihrer Persönlichkeit, die man bei diesem nach innen gekehrten, harmoniebedürftigen Temperament, das zudem von einem nüchternen Intellekt kontrolliert wird, nicht erwartet: Sie ist eine Spielerin. Hopp oder top, sagt sie. Ich liege einige Treffer hinten und komme nicht aus dem Tief.Also versuche ich, mal völlig andere Aktionen zu fechten.So etwas kann natürlich auch schief gehen.Aber das ist eben das Spiel dabei. Ich quäle mich nicht gern Als sie 1998 auf dem Weg zu ihrem ersten Weltmeistertitel gegen Valentina Vezzali fechten musste, beriet sie sich mit ihrem Trainer und dem sportlichen Leiter des Fechtzentrums Tauberbischofsheim.Die überragende Italienerin war die Favoritin.Meistens hatte Sabine Bau gegen sie verloren. Die Vezzali kann man nicht ausfechten, sagt sie, das lässt die gar nicht zu.Die kämpft ganz aus der Dynamik des Augenblicks heraus.Die spürt so genau den Moment, in dem ich eine Aktion vorhabe, und setzt sofort ihre Aktion dagegen, und schon ist man schachmatt.Da standen die drei nun und überlegten, wie der Vezzali beizukommen sei.Schließlich sagte Sabine Bau: Also du sagst, mach 'ne Aktion, und du sagst das auch.Ich überlege mir eine.Und dann sehen wir mal ...Und dann hat sie im Gefech t etwas ganz anderes gemacht. Endlich, endlich, endlich!, rief sie noch auf der Planche, als sie in Seoul Weltmeisterin geworden war.Sie war ja bereits als ewige Zweite abgestempelt worden, trotz ihrer beiden Europatitel.Darin drückte sich dasselbe aus wie früher, als sie die Dritte war: tolle Fechterin, aber keine fürs Rampenlicht. Dieser Titel, sagt sie, hat mir schon sehr gut getan.Denn gekränkt habe es sie manchmal schon, wenn die Aufmerksamkeit immer nur bei den anderen war.Das war nicht gerecht, und wenn man in Würzburg auf der Straße angesprochen wird: Sind Sie nicht Zita?, dann findet man das auch nicht so toll. Das Rampenlicht, das sich nun über sie ergoss, wärmte sie. Ich fand es gerecht, weil ich die Einzige bin, die so lange vorne dabei ist.Die anderen Fechterinnen, auch die Italienerinnen, haben es mir gegönnt und mir gratuliert.Anja Fichtel allerdings nicht. Etwas Klares, Bestimmtes ist in ihren Blick getreten.Na klar, da sitzt eine Kämpferin.Nachdem die angehende Ärztin nach Olympia 1996 ihr Praktikum an einem Würzburger Krankenhaus begann, hatte sie kaum noch Zeit zum Training. Funktionäre, Fechter, Trainer verbreiteten gezielt das Gerücht, sie trete zurück. Gruftie, sagten zehn Jahre jüngere Konkurrentinnen, die in der Nationalmannschaft nicht an ihr vorbeikamen.Nur der Trainer Lajos Somodi hielt noch zu ihr.Trotzdem wurde sie bei der WM 1997 Zweite. Groß im Training war sie nie.Und wenn schon!Nicht einmal das Institut für Leistungsdiagnostik, das sie mit ihrem Lebenspartner Thomas Frobel in Würzburg betreibt, ist für sie eine Versuchung, sich Aufschlüsse über ihren athletischen Zustand zu verschaffen.Seit April ist es mit dem reduzierten Training für sie vorbei.Seither stellt die Orthopädie des Würzburger Krankenhauses die Assistenzärztin mittwochs und freitags für die Olympiavorbereitung frei.Den Verdienstausfall bezahlt die Sp orthilfe.An diesen Tagen trainiert Sabine Bau vormittags zwei Stunden und nachmittags oder abends noch einmal zwei bis zweieinhalb. An normalen Tagen beginnt der Dienst im Krankenhaus morgens um sieben, und vor 18 oder 19 Uhr kommt sie nicht weg.Ihre Konkurrentinnen aus Italien, Russland oder China kämpfen sich jeden Tag durch drei Trainingseinheiten.Das halte sie höchstens mal sechs Wochen vor Olympia aus, erklärt sie und sagt, sie bewundere am meisten jene, die ganz vorn stünden und das gelassen nähmen. Für Sportler wie Michael Schumacher habe sie wenig Sympathie. Sie betrachtet die markstückgroßen blauen Flecken auf ihren Oberarmen. Hier am Bizeps bekomme ich noch einen, da habe ich heute morgen einen Treffer abgekriegt.Da ist aber gar kein richtiger Bizeps zu sehen da sind zwei schlanke Oberarme, deren zu dünnes Fettgewebe die Leistungssportlerin verrät. Mit höherer Spannung in Bizeps und Trizeps würde ihre Armbewegung beim Stoß natürlich schneller sein - und ihre Florettspitze vielleicht die entscheidende Hundertstelsekunde eher am Körper der Gegnerin.Dafür müsste sie im Kraftraum zu den Kurzhanteln greifen.Sie könnte auch ihre Bauch- und Rückenmuskulatur stärken, um ihre Haltung zu verbessern und im Gefecht mit dem Rumpf noch schneller und beweglicher sein.Gewiss könnte sie ihre Koordination durch Laufen noch optimieren.Ja, ja, alles wahr.Sie lehnt sich mit dem Eislöffel in der Hand zurück, um ein in olympischen Sphären geradezu subversives Bekenntnis abzulegen: Ich quäle mich nicht gern. Niemals könnte sie Schwimmerin sein oder rudern. Und Anja Fichtel sagte mal vor einem WM-Finale zu mir: Ich hab solche Magenkrämpfe, ich kann kaum noch stehen.Es war für mich ein Rätsel, wie sie noch fechten konnte.Mein Selbstschutz wäre dafür zu groß.Der Gedanke scheint sie weiter zu beschäftigen, während das Erdbeereis ihr süß auf der Zunge zergeht. Man kann natürlich sagen, wenn du härter wärst, hättest du vielleicht zwei, drei Goldmedaillen mehr.Aber so etwas hat auch mit der Person zu tun.Ich würde mich dafür nicht grundlegend ändern wollen.