An schönen Tagen erinnern die Kammlinie des Teutoburger Waldes, das üppige Grün seiner bewaldeten Hänge Tegla Loroupe an die Cherangani Hills.

Dort liegt auf fast 3000 Meter Höhe die Farm ihres Vaters. Tagsüber spürt man im Hochland von Kenia die Nähe der Sonne, doch die Abende sind kühl wie dieser Trainingsmorgen im September im Teutoburger Wald.

Wenn sie nicht gerade zu einem Rennen irgendwo auf der Welt unterwegs ist oder ihre Familie im Lelan Distrikt 100 Kilometer nördlich des Äquators besucht, lebt sie in einem weißen Ferienbungalow am Ortsrand von Detmold. Auf Kenias Erde werden zwar die besten Läufer der Welt auf den Strecken von 800 Metern bis Marathon geboren, doch ist diese Erde zu arm, um ihre Läufer bis in die Weltspitze zu tragen.

Manchmal hat sie Heimweh unter dem sonnenarmen westfälischen Himmel, manchmal ist ihr kalt. Das macht nichts. Aus ihren Augen sprüht die Lust, einen Hunger gestillt zu haben, den sie schon als kleines Mädchen hatte, wenn sie den Boden mit der Hacke bearbeitete, Vieh hütete, Kühe molk, Feuerholz sammelte, Wasser schleppte und dabei ein Bündel auf dem Rücken trug - Evelyn, ihre kleine Schwester. Ihren Hunger nach Unabhängigkeit.

Tegla Loroupe ist die beste Marathonläuferin der Welt. Keine Frau lief die 42,195 Kilometer so schnell wie sie - 2:20,23 Stunden. 1994 gewann sie als erste Afrikanerin einen der drei bedeutenden Marathonläufe der Welt, den New-York-City-Marathon. War 21 Jahre alt, sah aus wie eine Schülerin. Im folgenden Jahr gewann sie ihn noch einmal. Jedesmal 30 000 Dollar Siegprämie plus Luxuslimousine.

Ich war neun Jahre alt, als ich zum ersten Mal von Kipchoge Keino hörte, dem kenianischen Olympiasieger, erzählt Tegla. Und von unseren anderen großen Läufern. Ich dachte, wieso keine Frau? Wieso immer bloß Männer? Damals habe sie begriffen, dass sie in die Welt hinauslaufen könne.

Dutzende von Weltrekorden haben die Läufer Kenias aufgestellt, Olympiasiege, Weltmeisterschaften, Medaillen eingefahren. Doch noch nie ist einer von ihnen Olympiasieger im Marathonlauf geworden.