Es gibt solche Städte: Wuppertal ist weltberühmt geworden durch Pina Bausch, zu Rimini fällt vielen sofort Fellini ein und zu Stratford sowieso allen derselbe. Und nun also Sheffield: die Stadt der Messer, die rote Arbeiterbastion als geheime Brutstätte der Avantgarde? Dass sie so rot ist und jahrzehntelang als Vorbild für funktionierenden Labour-Sozialismus galt, veranlasste in den düsteren Thatcher-Jahren eine Hand voll Studenten der Uni Exeter, sich nach dem Diplom dort niederzulassen. Keiner kam von dort, keiner kannte die Stadt

sie wollten Theater machen, irgendwo, überall, nur nicht in London. Warum also nicht Sheffield?

Heute, 16 Jahre später, leben sie immer noch dort, nur dass man sie inzwischen häufiger in Brüssel, New York oder Sydney antrifft als in Sheffield. Doch ihre Arbeit ist nach wie vor und unübersehbar von der Wahlheimat geprägt. Und dass der Kern von Forced Entertainment seit 1984 aus denselben Leuten besteht, hat sicher auch mit Sheffield zu tun - in London wären sie längst in alle Winde zerstreut.

Wie aber kommt es, dass die Gruppe ein Jahrzehnt lang nie über den Geheimtipp-Status hinauskam und jetzt, seit zwei, drei Jahren, so rasend in ist? Natürlich hat sich ihre Kunst entwickelt, variiert, verfeinert, aber ihre Grundlagen, ihre ästhetischen und politischen Ziele sind gleich geblieben, selbst die formalen Mittel der Umsetzung haben sich kaum verändert. Waren sie also ihrer Zeit so sehr voraus, dass die so lange brauchte, um sie einzuholen? Musste erst eine ganze Stilrichtung entstehen, "Live Art", um ihr radikales Theater sichtbar und akzeptierbar zu machen?

Oder ist alles nur ein Missverständnis, eine Modeerscheinung des Kultur- und Festivalbetriebs?

Tim Etchells, Autor und Regisseur der Gruppe, interessiert die Frage nicht, auch vom plötzlichen Boom zeigt er sich unbeeindruckt. Natürlich freut er sich über den Erfolg und vor allem über dessen finanzielle Konsequenzen (die Hälfte des Jahresbudgets kommt inzwischen aus Gastspieleinnahmen), aber er würde nicht anders arbeiten, wenn er's für die lokale Studiobühne täte statt für den Weltmarkt. Und für die anderen gilt dasselbe - lauter Überzeugungstäter. In Zukunft werden sie nicht immer mehr, sondern freiwillig weniger touren

sie sind jetzt Ende 30, haben Familie und Kinder und wollen deshalb mehr Zeit zu Hause verbringen.