Am fröhlichsten waren die Musiker aus Südamerika von der Schola Cantorum aus Caracas. Im Takt haben sie gewippt in ihren violettweißen Folklorekleidern und auf Congas getrommelt und mit ihren erdigen, schnarrenden Naturstimmen flotte Synkopen gesungen: Rumba, Mambo, Tango. Ein drahtiger Tänzer hat vorn am Bühnenrand den Capoeira geturnt, eine brasilianische Kampfsportart, die einst die Sklaven aus Afrika mitgebracht haben. Und beim Jesus-Darsteller mit dem dunklen Teint und den indianischen Gesichtszügen wusste man nicht so recht, ob er die Arme ausbreitet, weil er ans Kreuz geschlagen ist oder weil er das Publikum am liebsten umarmen würde.

Jesus ist ein Latino, und der stirbt nicht mit Rezitativ, Arie und "O Haupt voll Blut und Wunden". Zur Kreuzigung Christi erklingt an diesem Abend ein erregter Samba.

Der Komponist Oswaldo Golijov hat diese Musik geschrieben - eine Markus-Passion, in der Johann Sebastian Bach und die abendländische Tradition der Passionsvertonungen weit sind. Golijov ist Jude, wuchs als Sohn russischer Einwanderer in Argentinien auf, verbrachte einige Jahre in Jerusalem und lebt in den USA. So schillernd wie seine Biografie ist auch seine Art zu komponieren. Südamerikanisches, Jüdisches, spanischer Flamenco und amerikanische Einflüsse der Minimalmusic überlagern sich in seiner Musik zu einem buntscheckigen Stilmix. Man kann seine Markus-Passion grässlich finden, die einfältige Melodik, die platten Formschemata, das zwischengeblendete New-Age-Gedudel. Saurer Sakro-Kitsch. Aber wie er den ganzen Erwartungs- und Traditionsballast hinter sich gelassen hat, im Auftrag der ehrwürdigen Stuttgarter Bachakademie eines der vier Evangelien neu zu komponieren, zum 250. Todestag von Übervater Bach, für eine Uraufführung in der Hochburg protestantischer Oratorienpflege, das hat etwas Entwaffnendes.

Unbekümmert tänzelt er im 9/8-Takt durch das Allerheiligste des Christentums, als lägen zwischen dem letzten Abendmahl und Jesu Grablegung nur ein paar beschwingte Sidesteps.

Dabei war der Anspruch an die Uraufführungsserie Passion 2000 so seriös und hochgeschlossen wie die Rollkragenpullover, die Hellmuth Rilling am Dirigentenpult zu tragen pflegt. Etwas Besonderes wollte der künstlerische Leiter der Bachakademie für seine Millenniumsausgabe des Europäischen Musikfestes Stuttgart auf den Weg bringen, einerseits eine angemessene Hommage an den Jubilar Bach, andererseits etwas Heutiges: "Bachs Musik als Auslöser für Neue Musik, als Brücke in unsere jetzige Zeit, als Dialog der Kulturen." Und deshalb hat er vier Komponisten aus vier verschiedenen Kulturkreisen beauftragt, die Evangelien des Neuen Testaments zu vertonen in abendfüllenden Werken mit Chor, Orchester, Solisten und allem oratorischen Drum und Dran.

Denn in Stuttgart pflegt man in der Verehrung Bachs gern den großen Maßstab, eine schwäbische "Wenn-schondenn-schon"-Großzügigkeit. Gerade hat Rilling eine 172 CDs umfassende Bach-Gesamtaufnahme fertiggestellt. Vor fünf Jahren hat er gleich 14 Komponisten auf einmal gebeten, ein gemeinsames, gigantisches "Requiem der Versöhnung" auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zu schreiben. Und nun das Projekt Passion 2000, in der sich das unermüdliche Stuttgarter Streben nach Weltläufigkeit verbindet mit dem Versuch, eine traditionsreiche Gattung neu zu bestimmen. Der SWR hat die vier Uraufführungen von Wolfgang Rihm, Sofia Gubaidulina, Oswaldo Golijov und Tan Dun live im Fernsehen übertragen und sogar einen spektakulären Kamerakran in der Stuttgarter Liederhalle aufgebaut, den man sonst nur von den Berichten aus der Fußballbundesliga kennt, auf dass man ganz nah rankann, wenn Jesus die letzten Worte am Kreuz singt.

Lange vorbei sind die Zeiten, in denen Passionsvertonungen unabdingbar an das Kirchenritual gebunden waren. In den bürgerlichen Konzertsälen haben sich insbesondere die Aufführungen der Bach-Passionen als kunstreligiöse Ersatzgottesdienste etabliert. Die Anteilnahme der Hörer hat sich von den Glaubensinhalten auf die schöne Musik verlagert. Und die Stuttgarter Reaktionen auf die vier Passionsuraufführungen zeigen auf irritierende Weise, wie relativ die theologischen Aspekte in so einem Oratoriums-Event inzwischen sein können. Das Publikum war nämlich von Wolfgang Rihms hoch reflektierter, satztechnisch kniffliger Komposition Deus Passus (nach dem Lukas-Evangelium) ebenso tief beeindruckt wie vom naiven, lateinamerikanischen Jesus-Musical des Amerikaners Golijov. Es berauschte sich gleichermaßen an der ultrastrengen, von herber Klangwucht und einschüchternden Weltuntergangsvisionen durchsetzten Johannes-Passion von Sofia Gubaidulina wie an der soft-versöhnlichen Weltmusikseligkeit, mit der Tan Dun seine Matthäus-Passion überwölbt hat. In allen Stücken wirkt irgendwie die Aura des Sakralen, alles klingt ergreifend. Seliger Jubel an jedem der vier Abende.