Wiesbaden

Die Nachricht klingt schon wie die reine Selbstverständlichkeit: Roland Koch hat sich wieder einmal durchgesetzt. Die Mehrheit im hessischen Landtag akzeptiert auch das jüngste Manöver, mit dem der Ministerpräsident seinen Kopf aus der Schlinge der CDU-Finanzaffäre gezogen hat. Roland Koch kann sich der Gefolgschaft seiner Anhänger sicher sein. Umgekehrt jedoch können sich nicht alle seine Freunde sicher fühlen. Auch das ist keine Überraschung.

Damit Roland Koch oben bleiben kann, hat er seinen engen Weggefährten Franz-Josef Jung geopfert. Bis vor einer Woche galten für Jung noch dieselben Entlastungsformeln wie für seinen Ministerpräsidenten: von nichts gewusst, für nichts verantwortlich. Warum sich das plötzlich geändert hat? Entweder die monatelang vorgetragenen Entlastungsargumente für Jung waren überzeugend, dann hätte er bleiben können, oder sie waren es nicht, dann müsste auch Koch gehen. Aber in Hessen sind die Regeln politischer Logik und Verantwortung längst für ein einziges Projekt außer Kraft gesetzt: Roland Koch will seinen politischen Existenzkampf in einen unaufhaltsamen Aufstieg verwandeln.

Die Chancen dafür haben sich seit Wochenbeginn drastisch verbessert. Die Hilfe kommt aus Berlin, wo Angela Merkel bislang ihre Vorbehalte gegen den hessischen Parteifreund kaum verbergen konnte. Doch auf einmal stellt sie sich hinter Koch und argumentiert in der klassischen Gefolgschaftslogik seines hessischen Kampfverbandes: Weil der politische Gegner nicht Koch, sondern die CDU treffen wolle, müsse die CDU Koch stützen - "einen unserer jungen Ministerpräsidenten", wie Merkel ihn nun fast fürsorglich nennt.

Natürlich vergisst die Parteichefin nie, darauf hinzuweisen, dass alle Fehler der Vergangenheit aufgearbeitet werden müssen. Aber das ist nur noch der rhetorische Tribut an das Image der Aufklärerin, das Angela Merkel zu Jahresbeginn den Parteivorsitz eintrug.

Merkels neues Arrangement mit Koch fügt sich nahtlos an ihr neues Arrangement mit Helmut Kohl. Mit dem Mann könne man doch reden, seinen Rat dürfe man doch wohl suchen, sagt sie jetzt mit gespielter Verständnislosigkeit für jene, die das bezweifeln. Ja, warum hat sie Kohls Rat eigentlich nicht schon früher gesucht, als Generalsekretärin und als Parteichefin? Warum hat sie monatelang kein Wort mehr gewechselt mit ihrem politischen Ziehvater? Sie selbst hat die Antworten immer wieder gestreut: weil sich hinter den Kulissen ein erbitterter Machtkampf abspielte. Den tut Angela Merkel nun mit freundlicher Unehrlichkeit als mediale Erfindung ab.

Denn der Kampf scheint entschieden. Statt sich dem langwierigen Prozess der Erneuerung auszusetzen, glaubt die Partei nun, ihrer Desorientierung mit den alten Mitteln Herr zu werden. Geschlossenheit und populistische Kampagne heißt das strategische Heureka!, das Angela Merkel jetzt verkündet. Als könne sie, die Moderatorin aus dem Osten, eine Partei nach diesem Muster führen.