Walter Riester gilt in Berlin als ehrliche Haut. Der Exgewerkschaftsführer mit dem Unschuldsblick hat den Ruf, zu sagen, was er denkt, und zu denken, was er sagt. Doch in seiner Rentenpolitik mogelt der Arbeitsminister längst genauso wie sein Amtsvorgänger Norbert Blüm. Vor allem zu drei Punkten sagen Riester und seine Mitstreiter nicht die volle Wahrheit.

Erstens gibt niemand im Regierungslager offen zu, dass die mittlere Generation vermutlich länger arbeiten muss als bislang üblich. Im Gesetzentwurf, den Riester in der kommenden Woche vorlegen will, steht davon kein Wort

und als Unionsfraktionschef Friedrich Merz im Frühjahr offen von einer "Rente ab 70" sprach, wurde er dafür kräftig gescholten - sogar in der eigenen Partei.

Dabei hat Merz nicht nur die ernst zu nehmenden Rentenexperten auf seiner Seite, sondern auch den gesunden Menschenverstand. Auf Dauer wird es nicht gut gehen, dass die Gesellschaft immer älter wird und die Belegschaft in den Unternehmen immer jünger. Wenn einerseits die Menschen in Zukunft länger leben und dabei länger gesund und arbeitsfähig bleiben, und andererseits die Arbeitskräfte knapper werden, ist ein höheres Renteneintrittsalter die logische Konsequenz.

Viele Beschäftigte werden in Zukunft freiwillig länger arbeiten. Viele werden den Ruhestand aber auch aufschieben müssen, weil die privaten Ersparnisse nicht ausreichen und das gesetzliche Umlagesystem weniger leistet als bisher.

In anderen europäischen Ländern wie Norwegen und Schweden sind die Regierungen ehrlicher zu ihrem Wahlvolk. Wer dort in Zukunft früh aus dem Job ausscheidet, muss höhere Abschläge bei der Versorgung hinnehmen als hierzulande. Wer länger arbeitet, wird belohnt. Vor allem sagen die skandinavischen Rentenreformer offen, was die Menschen im dritten Lebensabschnitt erwartet. Universitäten, Personalabteilungen und auch die Beschäftigten werden dadurch ermutigt, in Weiterbildung und lebenslanges Lernen zu investieren.

Riester mogelt auch bei seinem Bekenntnis zur Generationengerechtigkeit.