Manchmal geht es ein paar Wochen gut. Wochen, in denen ich diesen Traum nicht habe. Aber er lauert mir schon längst wieder auf, der Traum, wie ein fieses Tier mit üblem Mundgeruch. Und plötzlich ist er da. Ich träume, dass ich Heroin bekommen habe vom Dealer, dass ich in einer Ecke kauere und versuche, mir die Spritze zu setzen, nach der mein Körper schreit. Aber es geht nicht.

Ich schaffe es einfach nicht, die Nadel in die Vene zu kriegen.

Ein seltsamer Traum für einen Hochleistungssportler. Ich bin Triathlet, trainiere jede Woche 40, 50 Stunden. In vier Wochen starte ich beim Ironman auf Hawaii: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und dann noch ein Marathonlauf. Voriges Jahr war nicht mehr drin als Platz 14, weil ich fürchterliche Durchfälle hatte beim Laufen. Diesmal will ich weiter vorn dabei sein. Ganz vorn, das wär's.

Jedes Bild meines Traums ist mir vertraut. Die Panik, wenn die Nadel ihr Ziel nicht findet, der eklige Gestank des Süchtigen auf Entzug - all das kenne ich. Ich habe es ja selbst erlebt. Wie oft habe ich eine Spritze danebengesetzt, weil die Vene völlig zerstochen war. Dann habe ich mir das Gift ins Bein geschossen, mal Heroin, mal Koks. Einmal habe ich mir im Auto einen Schuss ins rechte Bein gesetzt, den Wagen gestartet und bin gegen einen Baum gefahren. Im Krankenhaus mussten die Ärzte das Bein aufschneiden, das schon völlig entzündet und dick geschwollen war. Sie hätten mir das Bein fast amputiert.

Seit ich zwölf war, nahm ich Drogen, zuerst Haschisch, dann Speed und Koks, die letzten Jahre Heroin. Ich ballerte mir eigentlich ständig Stoff in den Körper. Die meisten Junkies kommen mit einem Gramm Heroin pro Tag aus. Ich brauchte zum Schluss fünf Gramm. Entweder ich besorgte Geld oder Stoff oder drückte oder schlief. Ich habe auf der Straße gelebt wie ein Penner, ich habe geklaut, betrogen, Autos geknackt. Meine Frau hat mich mehr als einmal bewusstlos auf der Toilette gefunden, die Nadel im Arm.

Seit zehn Jahren bin ich clean. Eines Tages, etwa ein Jahr nach dem Ende der Therapie, nahm mein Vater mich zum Joggen mit. Komm mit in den Wald, du schlapper Kerl!, sagte er. Ich war ja ein Wrack damals, rauchte ein Päckchen Tabak am Tag. Und ich lief hinter meinem Vater her, anderthalb Stunden, keuchend wie ein erschöpfter fetter Köter. Ich hatte Schmerzen, der Puls jagte, aber zum ersten Mal spürte ich wieder Leben in mir, Gier nach Leben.

Da habe ich das Rauchen aufgegeben, nach und nach, und angefangen, täglich zu rennen, immer mehr. Ein paar Monate später lief ich meinen ersten Marathon.