9 Uhr, 5 Minuten und 42 Sekunden. Dass Enrique Iglesias aus dem Schatten seines Vaters tritt, dass Doro Pesch Superglück mit ihrer Band und irren Spaß in New York hat, ist kein schlechter Auftakt für den Tag. Das ZDF gießt eine Volle Kanne Susanne über Deutschland aus.

Der thermoverglaste Klotz, 14 Stock hoch auf dem Lerchenberg, ist nicht das Krankenhaus am Rande der Stadt, sondern eine Anstalt öffentlichen Rechts bei Mainz. Flankiert von einem "Sendebetriebsgebäude" in Form einer Schnecke, begleitet von einem Zweckbau für die redaktionelle Kreativität und reichlich Parkraum für die von weither anreisende Belegschaft. ZDF. Zweites Deutsches Fernsehen.

Ganz oben, kurz unter den Wolken, wo die Frankfurter Skyline in den Horizont gemalt ist, wird in die Zukunft gedacht. Und die sieht düster aus. Hedonismus und Egoismus ergreifen Besitz vom Volk. RTL, Sat.1 und all die anderen machen die Musik dazu. Dieter Stolte muss dabei zusehen, aus dem 14. Stock, aus Fenstern, die nicht zu öffnen sind. "Wir sitzen in der Seriositätsfalle", sagt der Intendant des ZDF, "und die Frage ist, wie wir da herauskommen, ohne die Seriosität zu verraten."

Das ZDF hat Sorgen, und das sieht man seinem Intendanten an. Die Zuschauer werden untreu, die Treuen werden alt, die Jungen schalten um und die Ossis gar nicht an. Ist das ZDF zu gehaltvoll? Zu altbacken? Oder zu tief? Oder zu flach? Liegt es an den Mainzelmännchen? Oder an Carolin Reiber? Oder doch an diesem ganzen Apparat, der wie ein Container in der Rheinpfalz eingegraben liegt und der Welt seine geschlossene Front zeigt?

Wer eine Aufgabe hat, darf nicht aufgeben. Der 67-jährige Stolte, der es noch einmal wissen will und 2002 eine letzte Amtszeit als Intendant anstrebt, gibt sich entschlossen: "Sauereien auf dem Bildschirm wird es bei uns auch in Zukunft nicht geben" (siehe auch Interview mit Dieter Stolte auf Seite 20).

Sauereien sind im öffentlich-rechtlichen Programmauftrag ohnehin nicht vorgesehen, und Stolte hat diesen verinnerlicht. Aber auch ihm sitzt "die Quote" im Nacken. Bildung, Kultur, Information, Meinungsvielfalt, politische und sonstige televisuelle Grundversorgung des Volkes hin oder her: Selbst das Wort Gottes verhallt, wenn die Kirche leer ist.

Deshalb müssen "andere Formate" her, "neue Zugänge", "frische Gesichter", ein "Programmbouquet", es gilt, das Internet zu entern, den "audience flow" auf die Mainzer Mühlen zu leiten, nachgefragte "Marken" ins Hirn des Publikums zu brennen und bestenfalls Fangeisen zu legen für den notorisch flüchtigen Zapper. In der kommenden Woche wird der ZDF-Fernsehrat, ein 77-köpfiges Kontrollorgan, über die Modernisierung des Programms diskutieren.