Sogar ein paar nette Haustiere hat die olympische Familie: Am Gepäckband beschnüffeln nicht nur große schwarze Sprengstoffhunde Koffer, Taschen, Hosenbeine, sondern auch kleine, wurstige Tölen wuseln herum. "Quarantane Detection Dog" steht auf dem Leibchen, in das man sie gezwängt hat. Wie es sich für die größte Familienparty aller Zeiten gehört, wird vor Ort für alles bestens gesorgt, deshalb darf man auch keine Wurst von daheim mitbringen oder Eier oder Hundefutter. Auch wer aus Angst vor Heimweh oder zur heimlichen Leistungsförderung den Lieblingsgummibaum oder ein Schäufelchen Heimaterde mitgebracht hat, muss die leider abgeben: die Quarantänebestimmungen sind hart, die Australier, Bewohner einer Insel (einer großen zwar) haben Angst, sich etwas einzufangen, das sie dann nicht mehr los werden.

In der gleißenden Klarheit des australischen Frühlings möchte man sich aber ohnehin nicht mit alteuropäischen Schimmelpilzen herumplagen. Alles strahlt eine mitreißende Frische aus: die Skyline über der endlosen Abfolge von Buchten entlang Sydney Harbour, die Myriaden von freundlichen Helfern in blau-petrolfarbenen Polohemden, die immer wissen, wie und wo's weitergeht (und wenn nicht, erzählen sie wenigstens nett darüber), die neuen Stadien im Olympic Park mit ihrer monumentalen Eleganz aus Stahl und Beton und Zeltdach. Und selbst das Sushi im Kühlregal des Main Press Centre sieht aus, als wären seine Zutaten gestern noch lebendig gewesen.

Das alles hat dem IOC offenbar soviel Spass gemacht, dass es flugs noch ein paar mehr Verwandte dazugebeten hat - ohne allerdings vorher die Bettenfrage zu klären. Rund 700 Sportler mehr als ursprünglich geplant wurden zugelassen, und nun ist das olympische Dorf plötzlich zu klein. Wenigstens hatte so aber die Eröffnungspressekonferenz im deutschen Haus ihr Thema: Eine halbe Stunde lang bangte und hoffte die versammelte deutsche Presse, dass vielleicht Susan Benicke (Rhythmische Sportgymnastik, 43 Kilogramm) und Ronny Weller (Gewichtheben, 148 Kilogramm) ein Bett teilen müssen. Schließlich konnte Heiner Henze, der stellvertretende Chef de Mission und Quartiermeister des Teams, Entwarnung geben: Lediglich 26 Betten habe man abgeben müssen, und noch schliefe jeder für sich allein. So kann man sich auch die Zeit vertreiben, bis es endlich losgeht.

Der andere Pausenfüller ist wie bei allen Olympischen Spielen die Transportfrage. Natürlich sind die Straßen verstopft, natürlich hat sich daran auch nichts geändert, obwohl die Fahrer diesmal - anders als in Atlanta - durchaus wissen, wo sie hinmüssen. Aber seit das olympische Feuer im Stadtgebiet angekommen ist und die Pathosmaschine unendlich befeuert, geht nichts mehr. Die emotionalen Wallungen rund um den Fackellauf sind unglaublich: Die Leute, die die Fackel tragen dürfen, werden immer berühmter (meist sind es Sporthelden von einst und jetzt, die Schwimmerin Dawn Fraser etwa oder der Tennisspieler Patrick Rafter), und immer schwerer fällt es ihnen, inmitten der von sich selbst, ihrer Stadt, Olympia, überhaupt allem restlos begeisterten Zuschauer einen Fuß vor den anderen zu setzen. Mit staunend großen Kinderaugen, nicht selten tränenfeucht, wanken die Fackelträger durch das Meer der Ergriffenheit voran. Gottseidank hat man mit der alten Wurst auch alles deutsche Grüblertum spätestens am Flughafen aufgegeben, sondern würde man sich seltsam berührt daran erinnnern, dass der ganze Fackelzinnober eine Erfindung der Berliner Spiele von 1936 ist…

Bislang war Sydney eine coole Stadt, die sich Olympia nicht so recht ergeben wollte. Viele Sydneysider haben gar ihrer Heimat den Rücken gekehrt und überlassen die Riesenfamilie lieber sich selbst. Aber jetzt ist Schluss mit coolness, auch wenn die ganze Welt zuguckt. Wer da ist, ist patriotisch, euphorisch, entdeckt seine Liebe zum Kitsch und den gänsehautgroßen Gefühlen, ist endlich Teil der olympischen Familie. "Wir lieben eben Hits und Gewinner", schreibt der Kolumnist David Marr im Sydney Morning Herald, "aber eine immerwährende Loyalität ist nichts für uns. Wir haben kaum hingeschaut, als die Stadien wuchsen, als das Blut floss im Organisationskommittee. Aber jetzt riechen wir einen Gewinner, deshalb bekommen die Spiele unsere volle Aufmerksamkeit. So ist Sydney, durch und durch." Unwiderstehlich unbekümmert eben. Ist es zu stark, bist du zu schwach.