Diesmal hatte er aber auch eine verdammt schwere Aufgabe. Denn so ein Zeremonienmeister muß zusammen mit seiner kreativen Mannschaft ja nichts weniger tun, als all die unvergessenen Momente vergangener Olympiaden vergessen zu machen, wenigstens für Momente. Und das ist nach Atlanta 1996 gar nicht so einfach, denn da war der größte Moment einer, der im Grunde gar nichts gekostet hat: Als der schwer kranke Muhammad Ali zitternd das olympische Feuer entzündete, war die Welt ergriffen wie selten zuvor. Bei so einer Vorgabe konnten die Planer gar nicht anders und mußten doch auf Australiens Geheimwaffe zurückgreifen: Cathy Freeman.

Die 400-Meter-Läuferin, eine Aborigene, trägt schon seit Monaten die Last, das Land mit sich selbst versöhnen zu müssen. Die weiße Mehrheit hat sie, gefragt oder ungefragt, zum Symbol der Spiele gemacht. Geradezu auf der Flucht vor dieser Verantwortung war die eher schüchterne junge Frau in den Tagen, Wochen vor den Spielen, trainierte jeden Tag an einem anderen, geheim gehaltenen Ort. Aber jetzt kann sie sich nicht mehr verstecken. Zwar ist sie mit nur einer Silbermedaille von den Spielen in Atlanta im Reigen der goldüberhäuften australischen Alt-Olympioniken nur ein kleines Licht. Aber was sind schon zwei, drei, vier goldene Plaketten am bunten Band gegen die innere Einheit der Nation? Deshalb muss sie die Fackel zuletzt übernehmen, die paar Stufen bis zu einer gewaltigen Wasserschale hochlaufen, reinsteigen, und das im Wasser irgendwie verborgene Olympische Feuer entzünden. Auf dass Friede werde in den Herzen aller Australier.

Sicher das kürzeste, aber anstrengenste Rennen ihrer Laufbahn. Zumal sie gut vier Stunden Anlauf nehmen musste. Denn vorher sollte natürlich die Geschichte dieses, ihres Landes in materialreichen Bildern erzählt werden. Nach einem flotten Aufgalopp mit vielen echten Pferden (Superlative! Erstmals Gäule bei einer Olympia-Eröffnung!) beginnt alles im Wasser. Zwar ist das gesamte Innere des neuen Stadium Australia mit einem dicken schwarzen Filz ausgelegt, aber in den Gedanken der 110.000 Zuschauer ist das Meer schnell da, wenn gigantische Fischmonster, gespenstisch leuchtende Quallen und andere Seeungeheuer wie Mobiles 20 Meter über dem Boden schweben. Obwohl man solche von Menschen bewegte Riesenpuppen wie alle Arten von Stelzenläufern aus vielen Open-air-Spektakeln kennt - diese wirken witzig, frisch, überraschend. Dann macht viel Feuer dem Spaß ein Ende, bis wuchernde Natur die Brache zurückerobert. Zuguterletzt kommt der Mensch und macht all die exotischen Gewächse und goldenen Äpfel einfach platt.

So kulturkritisch ist das natürlich nicht gemeint, schließlich kann man auf den riesigen Maschinen, mit denen sich der Mensch die Erde untertan macht, prima turnen, und Wellbleche eignen sich eben nicht nur für Hütten, sondern auch als Tab Dance-Unterlage. Aber irgendwie war die Natur, mit Lämpchen noch auf jedem waldmeistergrünen Hütchen, schöner.

Sogar einen ironischen Moment hat die Inszenierung, was in dieser Branche durchaus nicht üblich ist. Aus Umzugskartons, die sich zunächst wie von Geisterhand bewegen, krabbelt der Landnehmer von einst, nun zum Kleingärtner mutiert, und führt seinen Rasenmäher spazieren. Die Zuwanderung, so will es das nächste Bild, rettet diese Spießbürgergesellschaft vor sich selbst und bringt Zwanglosigkeit, Lebensfreude, Selbstbewußtsein nach down under. Natürlich transportiert die Show solche und andere Klischees, aber durch die gewaltigen Dimensionen werden sie ins Reich einer Popmetaphysik hochgepumpt, an der man sich schwer berauschen kann, vor der einem jedenfalls die Worte fehlen. Ein anderes Klischee klebte gottseidank nur klein und mickrig auf der Pressetribüne wie ein alter Kaugummi: Deutsche Journalisten, die alten Zyniker, verweigern inmitten all der Begeisterung griesgrämig die Anteilnahme. Während die Kollegin aus Palau begeistert ihr sechsköpfiges Team begrüßt und die Polen, gleich im Trainingsanzug ihrer Nationalmannschaft angetreten, den vielen toll aussehenden Sportlerinnen aus 199 Ländern unermüdlich schöne Augen machen und Kusshände werfen, während also alles winkt und schreit und la-ola-mäßig aufspringt, griemeln Schwaben und das Ruhrgebiet ungerührt vor sich hin.

Natürlich hat die Athletenparade manchmal etwas von einer langwierigen Trachtenmodenschau - Österreich setzt noch immer auf Loden, die Bermudas schicken ihre Herren stilecht in pinkfarbenen Shorts, und alle Ungarinnen sind blondiert. Natürlich kneifen bei den Gewichthebern immer die Sackos, und bei den Basketballern sind die Hosen zu kurz. Auch in eine überladene Erdkundestunde fühlt man sich mitunter versetzt - wo war noch mal St. Kitts? Oder Narau? Aber muss man das uncool finden? Hier wird auch Weltpolitik widergespiegelt, ja vielleicht sogar gemacht. Auf dem olympischen Filz (nur dem im Stadion) sind Nord- und Südkorea bereits wieder vereint; gemeinsam spazieren die Mannschaften der verfeindeten Länder unter einer Flagge, die man noch flugs erfunden hat und die die Umrisse des vereinten Landes zeigte. Und fröhlich springen ganz zuletzt drei "unabhängige olympische Athleten" aus Osttimor herum, ein Vorgriff auf das 200. Land, das sicher in Athen 2004 ganz offiziell dabei sein wird.

Allerdings gingen die Timoresen unter im Jubel für die australischen Athleten. Denn mögen die Aussis auch nette Gastgeber sein - das eigene Team ist schon das beste. Da darf es auch ein heiliges Prinzip von Ric Birch und seinem Kreativdirektor David Atkinson unterlaufen. "No Koalas" lautete ihre Strategie, keine allzu abgegriffenen Symbole. Nun, Koalas sind es nicht, aber Kängurus, aus Plastik und aus China; die australischen Sportler werfen sie kamellegleich ins Publikum. Dann aber ist Schluss mit kindlicher Freude, und es naht die Zeit des gewaltigen Orgeltons, der Hymnen, Eide und zahlloser anderer pseudoreligiöser Motive. Die Friedenstaube darf nicht fehlen, und ist nicht die Schale, aus der schließlich das Feuer emporsteigt, ein heiliger Gral? Der soll auch noch gen Himmel fahren, jedenfalls bis an den Rand des Stadions, aber da klemmt zum ersten und einzigen Mal die gewaltige Geschichtenmaschine. Das Orchester reiht Schlussakkord an Schlussakkord, aber das Feuer will nicht fahren. Macht nix, kommt halt das Feuerwerk dran, und als das mit viel Pomp und Plopp zu Ende ist, schwebt auch das olympische Allerheiligste dort, wo es hingehört. Gewaltig. Oder bin ich nur zu schwach? Dabei beginnt die eigentliche Show doch erst.