Aber das ist natürlich nur die offizielle Version aus dem "Easy Guide to the Games". Der wahre Fan trägt zunächst mal nicht in erster Linie bequeme, sondern auffällige Kleidung. Minimum ist ein Trikot in den Landesfarben, wobei hier naturgemäß Australien-Hemden jeder Art dominieren, zum einen im Design der Landesflagge, zum anderen die gold-grüne Sport-Variante. Überhaupt ist die Fahne hier das liebste Kleidungsstück, sei es als Umhang, Schal oder Nackenspoiler, der an der Mütze befestigt wird und dem Träger das verwegene Aussehen eines Laurence von Arabien verleiht. Nebenbei schützt man so den Nacken vor dem Verbrennen in der stechenden Mittagssonne. Dafür eignen sich aber auch abenteuerlich hohe Filzhüte mit breiten Krempen, ebenfalls in Landesfarben. Zum Schutz des Gesichtes empfiehlt sich die national eingefärbte Sonnencreme, die schon Nikki Webster, die kleine Hauptdarstellerin zu Beginn der Eröffnungsfeier so effektvoll auf die Wangen schmiert. Alternativ dazu bieten sich kleine, abwaschbare Flaggen-Tatoos an. Selbst bei den Sportlern hat sich diese Kleiderordnung durchgesetzt: Die Schwimmer, die laut schreiend am Beckenrand ihre Mannschaftskollegen im Wasser unterstützen, tragen Kriegsbemalung im Gesicht oder auch patriotisch gefärbte Haare. Der Italiener Domenico Fioravanti, gerade Olympiasieger über 100 Meter Brust geworden, ging im Flaggenumhang zur Siegerehrung.

Kleine Taschen, wie es die Fan-Richtlinien vorsehen, sind bei echten olympischen Überzeugungstätern auch nicht sehr beliebt, weil man da die großen Fahnen so schlecht dran befestigen kann. Und da der Ganzkörpereinsatz für Land und Leute mindestens auf einer Foto- und einer Videokamera dokumentiert werden muss, hat man automatisch schon einiges zu schleppen. Wenn so ein Fan müde ist, setzt er sich nicht hin, sondern geht erst mal ein Bier holen, womit die Frage nach der Wasserflasche auch schon hinreichend beantwortet wäre.

Um jetzt aber keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen: Natürlich geht es hier viel gesitteter als bei einem Spiel der Fußball-Bundesliga.Wer sich für Kunstturnen interessiert, trägt keine Jeansweste mit Fransen über nacktem Oberkörper. Hier gibt es auch keine Totenkopfaufnäher, sondern bestenfalls kleine Anstecknadeln, mit denen ein lebhafter Tauschhandel getrieben wird. (An Central Station, dem wichtigsten Bahnknotenpunkt, gibt es sogar eine große Sticker-Tauschbörse).Schlachtgesänge hat Olympia auch noch keine nennenswerten hervorgebracht. Meistens bleibt es bei einem spontan aufbrandenden "Aussie - go, Aussie - go go go!"Wobei es völlig nebensächlich ist, ob gerade ein australischer Sportler irgendwo in Aktion ist. Heute morgen beim Triathlon der Männer begeisterten sich die Zuschauer damit einfach an sich selbst. Der mit der kräftigsten Stimme und der geringsten Scheu fängt einfach an zu brüllen (Aussie!), und die Menge blökt hinterher (go go go). Bisher hat es geholfen, Australien führt die Medaillenwertung nach dem ersten Tag an und ist auch am zweiten noch gut dabei.

Heute nachmittag aber haben die Einheimischen zum ersten Mal ernsthafte Konkurrenz in Sachen Fantum bekommen: Die Wikinger sind da. Vor dem Handballspiel der Damen zwischen Dänemark und Norwegen sind sie in den Olympic Park eingefallen wie Erik der Rote weiland in Nordamerika. Die meisten haben sich auf dem kleinen Hügel neben dem Olympiastadion versammelt, ein unübersehbarer roter Haufen, aus dem ein paar blaue Haarschöpfe hervorstechen. Die nordischen Schlachtgesänge sind nicht recht zu verstehen, sie erinnern an eine onomatopoetische Annäherung an den Ruf eines Elches. Selbstverständlich gibt es den obligaten Helm mit Kuhhörnern dran, obwohl es unter denen sehr warm sein dürfte. Jedenfalls sind ihre Träger im Gesicht schon so rot wie ihre Trikots.

Zur laufenden Sensation werden vier junge Damen, die sich recht freizügig präsentieren. Zwar ist man auch in Australien körperbewusst und stellt den sportgestählten, braunen Leib gerne aus. Aber das ist trotz der Hitze und der lockeren Stimmung alles seltsam unerotisch, wie ein frischer Salat, den man aus Vernunftgründen, aber nicht mit Lust isst. Die vier Norwegerinnen tragen zwar einen BH, haben sich aber die Landesflagge über den ganzen Oberkörper gepinselt. So sieht das Ganze aus der Ferne wie body-painting auf nackter Haut aus, und da die vier auch nicht gerade verschwiegen sind auf dem Weg zum Spiel im Dome, haben sie die Aufmerksamkeit der Besucher sicher, die ihren Sonntagsspaziergang durch den Olympic Park machen. Einen Regenmantel haben sie übrigens nicht dabei.