Olympia - das heißt laufen, bis die Füße platzen. Aber nicht nur für die Athleten, sondern auch und vor allem für die Zuschauer. Aber welcher Ort, welcher Sport ist die Blasen überhaupt wert, die man sich auf dem Weg dorthin läuft? Hier der erste Versuch eines völlig subjektiven Rankings.

1.) Das Olympiastadion. Sport hat hier noch gar keiner stattgefunden, wenn man von den Reit-, Turn- und Tanzeinlagen bei der Eröffnungsfeier absieht. Richtig schön ist das Stadium Australia, wie es offiziell heißt, nicht, aber imposant. 110.000 Zuschauer passen rein, die Tribünen an den Längsseiten sind irgendwie linsenförmig und sollen, so wird hier jedenfalls lokalpatriotisch argumentiert, an so einen komischen australischen Hut erinnern. Wo der Bayer an seiner Kopfbedeckung den Gamsbart hat, brennt hier das olympische Feuer, inzwischen ohne Probleme.

Die Riesenschüssel so richtig zum Kochen zu bringen, ist nicht ganz einfach, das Ding muss voll sein, damit die Stimmung stimmt. Bei der Eröffnungsfeier bekam ja jeder einen Koffer mit Aufputschmitteln, leuchtenden Armbändern, Taschenlampe, gelb-grüne Aussie-Socken. Mal sehen, ob man auch ohne dieses Care-Paket der guten Laune im Olympiastadion auf seine Kosten kommt. Die Leichtathletik beginnt hier am Freitag mit der Qualifikation im Kugelstoßen der Männer, auch nicht gerade die Nr. 1 der olympischen Hitparade, eher ein Pausenfüller beim "Blauen Bock". Mein Tipp: Wenn sich Marion Jones im Finale über 100 Meter am Samstag abend um 20.05 Uhr bei Meter 93 einen Muskelfaserriss holt und dennoch gewinnt, wird auch dieses Stadion das Weinen lernen.

2.) Dunc Gray Velodrome: Die Deutschen mögen das Schwimmen verlernt haben, Rad fahren können sie immer noch. Deshalb ist das Radstadion im Moment immer einen Besuch wert. Es liegt etwas mehr als zehn Kilometer südlich des Olympiaparks in einer ruhigen Wohngegend, inmitten von Eukalyptusbäumen und braungrünen Wiesen, die der vorzeitige Sommer hier schon ziemlich mürbe gesiedet hat (im Moment herrscht sogar Feuerverbot, das heißt: keine offenen Feuer im ganzen Stadtgebiet, und Barbecue nur mit einem gasbetriebenen Grill!). Das Stadion selbst, benannt nach einem australischen Velo-Helden, hat etwas von einem Ikea-Abenteuerspielplatz. Natürlich ist die Bahn aus Holz, aus baltischer Fichte, um genau zu sein. Aber auch die Tribünen erinnern von unten an Omas Kartoffelkiste im Keller oder ein 100 Meter langes Ivar-Regal. Dazu ein ein bißchen Blau, viel Licht und Weiss - skandinavisch halt. Im Innenraum der in den Kurven steil abfallenden Bahn gibt es kleine Verschläge für die Fahrer, Trainer und Mechaniker. Hier fahren sich die Athleten auch warm, was ihre Hauptbeschäftigung zu sein scheint. Für die gute Minute im 1000-Meter-Zeitfahren zum Beispiel wird vorher stundenlang auf der Rolle pedaliert, und zwar in einem Tempo, bei dem der Normalradler schon nach 20 Minuten total erledigt wäre. Dann haben die Stars wie die deutschen Medaillengewinner Stefan Nimke, Jens Lehmann und Robert Bartko sich gerade mal der optimalen Betriebstemperatur vorsichtig angenähert. Anders als bei anderen Bahnen sind die Kurven nicht über die volle Länge geneigt. "Da müssen die Fahrer viel mehr arbeiten als auf anderen Bahnen", hat mir der Bundestrainer Detlef Uibel erklärt. Und was ist beim 1000-Meter-Zeitfahren schlimmer: die Minute abzuwarten, bis der eigene Mann gefahren ist, oder die 20 Minuten zu warten, bis alle Konkurrenten durch sind und die Medaille im Sack ist? "Ich weiß es nicht mehr", sagt er nach dem Silber für Nimke, "ich weiß nur, dass ich Blut und Wasser geschwitzt habe." Jedenfalls scheint die schwere Bahn den Deutschen zu liegen: Vor knapp zwei Stunden hat der Vierer die Goldmedaille gewonnen und ist als erste Mannschaft aller Zeiten unterhalb der magischen Grenze von vier Minuten geblieben. Da waren sogar die australischen Reporter ganz ehrfürchtig: "Ich dachte nicht, dass ich das in meinem Leben noch mitbekommen würde", sagte einer, und buchstabierte sich dann durch die exotischen Namen.

Und noch ein Grund, das Radstadion zu besuchen: Hier gibt es mit Sicherheit die dicksten Oberschenkel der Spiele zu bestaunen. Oder halt, nein, gab es nicht noch dickere im

3.) Convention Centre? Das liegt direkt am Wasser von Darling Harbour, also in der Innenstadt, und ist so eine Art Kongresszentrum. Draußen präsentiert sich Sydney von seiner lebhaftesten Seite, eine glitzernde Skyline, Unmengen aufgekratzter Leute, dicke Yachten im Hafen. Drinnen herrscht eine Atmosphäre wie beim Kongreß der Altphilologen, denen man Anabolika in den Pfefferminztee getan hat. Die Tribüne ist mit einem Teppich in Altrosa ausgeschlagen, und wo sonst das Rednerpult für den Vortrag über "Das olympische Moment im Spätwerk des Tacitus" steht, befindet sich nun eine kleines Parkettquadrat, auf dem ein paar hundert Kilo Eisen liegen. Denn im Convention Centre finden die Wettbewerbe der Gewichtheber statt.

Nachdem vor zwei Tagen das gesamte rumänische Team (sieben Sportler) ausgeschlossen wurde, weil drei von ihnen gedopt gewesen sein sollen, hat die Sportart einen noch schlechteren Ruf bekommen (falls das überhaupt noch geht). Einer der Rumänen ist von seiner Unschuld so überzeugt, dass er in einen Hungerstreik getreten ist. Der Schwergewichtler will solange fasten, bis man ihm eine Blutprobe abgenommen hat und sein reines Herz medizinisch einwandfrei nachgewiesen ist. Dass er gesperrt wurde, weil man ihn im Vorfeld der Spiele erwischte, hat der Mann offenbar noch nicht begriffen. Wahrscheinlich haben seine überaus ausgeprägten Nackenmuskeln die Verbindung zwischen Herz und Hirn abgequetscht, so dass er nur noch seinen Gefühlen, aber nicht mehr seinem Verstand vertrauen kann.