Gespielt wird die Vorrunde in einer Halle, die schlicht Pavillon 2 heißt und die Nummer 4 auf meiner subjektiven Rankingliste ist (das ist noch nicht die endgültig Platzierung, sondern sozusagen die Startnummer, die Entry List, wie das im olympischen Jargon heißt. Die Result List mit den Gewinnern von Gold, Silber und Bronze folgt naturgemäß erst ganz am Schluß der Wettkämpfe).Der Pavillon ist eine ziemlich groß geratene Wellblechhütte, rechteckig, schmucklos, grell ausgeleuchtet. Vielleicht ist es das schneidende Licht, vielleicht die bunten Farben auf dem Hallenboden, das Gelb im Kreis, das Petrolblau des restlichen Spielfeldes - die Stimmung ist schon lange vor dem Anpfiff des Spiels Deutschland gegen Jugoslawien dicht und angespannt, wie auf dem Kinderspielplatz kurz vor einer ernsten Rauferei.

Die Gangs sind etwa gleich stark, sowohl die Mannschaften als auch die Zuschauer. Die deutschen Spieler wissen nach einem Sieg und einem Unentschieden in den Matches zuvor, was das Stündlein geschlagen hat und schreien sich vor dem Anpfiff gegenseitig an, um die Spannung noch zu steigern. Und als wollten sie den ganzen Frust über das bislang so schwache Abschneiden der ganzen deutschen Mannschaft loswerden, langen sie gewaltig hin.

Leid tun müssen einem die Gegner aus Jugoslawien dabei überhaupt nicht. Während in den Deutschen eher eine stumpfe Wut kocht, versuchen es die Männer um den hünenhaften Nenad Perunicic mit kleinen Hinterhältigkeiten. Ständig reden sie auf die deutschen Spieler ein, zupfen am Trikot, wenn das Spiel längst unterbrochen ist, stellen sich einem Spieler auf dem Weg zum Siebenmeter in den Weg, gestikulieren in altbekannter Machoweise. Anfangs haben sie damit leidlich Erfolg, und wenn Perunicic genügend Anlauf nehmen kann, katapultiert er sich einfach durch die deutschen Deckungsspieler wie eine Abrissbirne durch 'ne mürbe Mauer. Dann steht er schon fast im Tor und muss den Ball nur noch reinwerfen, was er mit Urgewalt tut.

Zum Glück hat der Mann offenbar nicht die Kondition, diesen Berserkerstil eine Stunde durchzuspielen, und mit seinen Kräften schwindet auch die Zuversicht seiner Mannschaft. Außerdem hält der deutsche Torwart Henning Fritz manche der Bälle so lässig fest wie sonst nur Bud Spencer die Fäuste seiner Gegner. Das macht einen erfolgsgewöhnten und unter Erfolgsdruck stehenden Gegner erst richtig wütend.

Woran merkt man, dass ein Spiel entschieden ist? Dass die Fans nicht mehr einfach nur dumpf zur Attacke blasen auf der mitgebrachten Tröte, sondern in die Abteilung höheres Liedgut abschweifen und die Titelmelodie aus "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer" intonieren? Während sie "Eine Insel mit zwei Bergen" spielen, zieht die deutsche Mannschaft von 17:14 auf 21:14 davon. Da kann man ja erst mal eine Dose australisches Bier trinken gehen. Das beruhigt einerseits, und weil es andererseits umgerechnet 6 Mark kostet, hat man den Adrenalinspiegel auch gleich wieder da, wo er für ein solches Spiel hingehört.

An so einem Abend, in so einer Halle gelingt einfach alles. Der Kreisläufer Christian Schwarzer wirft in einer Körperhaltung, die ein normaler Mensch gar nicht einnehmen kann, noch den Ball ins Tor. Und der Rechtsaußen Florian Kehrmann kann den Ball anschneiden, wie er will, am jugoslawischen Torhüter findet er immer einen Weg vorbei.

Ist diese Aggressivität nötig, auf den Rängen und auf dem Platz, um guten Handball zu spielen? Selbst der Bundestrainer Heiner Brand bricht immer wieder zu Veitstänzen entlang der Linie auf, die ihm die Schiedsrichter und manchmal auch sein eigener Verstand dann untersagen. Wir mussten halt richtig ins Turnier reinkommen, werden die Spieler hinterher lapidar sagen. Schließlich geht es übermorgen gegen Russland, und da muss man mit noch härteren Bandagen kämpfen. 28 : 22 heißt es am Ende, das Trikot des Kreisläufers ist blutverschmiert, aber sieben Punkte sind auf dem Konto.