So groß ist meine Vergnügungssucht, dass ich hin und wieder einen Roman lese. Heißt ein Roman Bla Bla Bla, geschieht das nicht aus freien Stücken: Bla Bla Bla muss ich lesen, ein solcher Titel übt auf mich eine unwiderstehliche infantilisierende Wirkung aus.

Was aber erwartet jemanden, der solch zweifelhaften Wirkungen nachgibt, von einem Roman? Ein Roman, denke ich, enthält ein Beziehungsgeflecht, das sich gewaschen hat, enthält das Abbild der Welt in ihrer Totalität. Bla Bla Bla von Giuseppe Culicchia, erschienen bei dtv, enthält kein Beziehungsgeflecht, aber doch den totalitären Anspruch: Die ganze Welt, sprich "die Gesellschaft", spiegelt sich in der Pathologie der Einsamkeit des Helden wider. Dieser Held, technisch gesprochen die Ich-Form, die in Bla Bla Bla das Sagen hat, beschloss eines Tages, aus dem gewöhnlichen Leben zu scheiden. Auslösend für diesen Beschluss war das Bla Bla Bla, jedoch nicht das eigene, sondern das der Freundin. In einer Kaufhaustoilette, einem symbolischen Ort der Warenästhetik, rennt er ihr davon, er benutzt den großgeschriebenen NOTAUSGANG.

Was will uns der Autor mit seinem Bla Bla Bla sagen? Etwas, was auch ich längst schon den Lesern sagen wollte: Diese Welt, diese Gesellschaft, lohnt die Mühe des Existierens nicht. Lächerlich, auch wir selbst, die wir darauf abgerichtet wurden, "Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen, doch mittlerweile inhalieren wir nur noch Hoffnungslosigkeit, wir sind unfähig zu Vitalfunktionen ..."

Ich behaupte aber, dass einer, der so spricht, keineswegs in die Abgründe blickt; er blickt hinauf in den Himmel, er will nämlich erlöst werden. Bla Bla Bla als Aufschrei, als klammheimlicher Hilferuf? Es gibt eine Stelle in dem Buch, die die Unerlösbarkeit des Menschen durch irdische Kommunikation vortrefflich schildert: "Ich setze mich auf eine Bank am Fluß. Meine Finger spielen mit der Telefonkarte. DANK DER TELECOM KANNST DU KOMMUNIZIEREN, MIT WEM DU WILLST, WO IMMER ER IST, WO IMMER DU BIST, steht in silbernen Buchstaben darauf. Der Fluß ist heute dunkelgrau, himmelfarben. MIT WEM DU WILLST. WO IMMER DU BIST. Ich stehe auf und gehe zum Wasser. Ich werfe die Karte hinein. Danke, Telecom."

Mit Großbuchstaben fallen die zum Schein hilfreichen, in Wahrheit maßregelnden Appelle der Außenwelt auf den Einsamen ein. Der in nummerierte Abschnitte, in Erlebnishäppchen unterteilte Roman erzählt nicht nur von einer radikalen, zu Kompromissen unfähigen Einsamkeit. Diese Einsamkeit hat eine Dialektik, es ist die des Menschen in der Großstadt: Die Stadt ist höchst zivilisiert, und wer mitmacht, ist es auch. Wer sich aber - wie unser Held - verweigert, der kann bis zum Letzten herunterkommen. Für so einen Helden hat Günther Anders das wunderschöne Wort "Masseneremit" gefunden.

Unser Eremit kommt nach Tagen des Hungers widerrechtlich in den Besitz eines Geldscheins. Im noblen Restaurant verschluckt er das Essen, auf der Straße gibt er es mit Gift und Galle zurück. Während er übelriechend vor sich hin kotzt, kommt ein kleiner Junge mit der Mutter vorbei: "Was ist das?, fragt der Kleine und zeigt mit der Hand auf mich. Nichts, antwortet die Mutter, das ist nichts, laß uns weitergehen."

Die wortreiche Kommunikation über die Kommunikationslosigkeit des modernen Menschen ist eine klassische Funktion des Bla Bla Bla. Der Autor selbst wälzt den Gedanken, dass es doch eine Erlösung wäre, würde endlich das Bla Bla Bla, auch das eigene, aufhören: "Dann wird jedes Ding wieder rein und perfekt sein." Aber schon im nächsten Satz relativiert er die Perfektion: "Es wird nichts mehr da sein."