Betrachten wir die Welt des Films unter diesen Gesichtspunkten, so bemerken wir sofort, wie tief der Geist des Films mit dem Geiste der Moderne verbunden ist. Im Unterschied zum Theater ist der Film schon rein formal gesehen eine ausgesprochene Massenkunst. Seine Zuordnung zu den Massen ruht auf folgenden Voraussetzungen: Erstens auf seiner Portativität: so schwer und kostspielig es ist, eine Schauspielertruppe mit Kostümen und Dekorationen aus einer Großstadt in die Provinz und aufs flache Land zu bringen, so leicht und billig löst dieses Problem der Filmverleih. Zweitens auf der unermüdlichen Spielmöglichkeit der photographierten Schauspieler: auf der Leinwand kann Hans Albers fünfmal am Tage in tausenden von Theatern, die über die ganze Welt verstreut sind, spielen, während er auf der Bühne höchstens zweimal pro Tag und auch nur für eine ganz kurze Zeitspanne auftreten kann. Drittens auf der im Verhältnis zum Wort viel leichteren Eingängigkeit des Bildes in das Bewußtsein und die Seele des Menschen. Viertens auf der Möglichkeit der Internationalisierung des Films: wie auf dem ideellen Wege der Stummheit so auch auf dem barbarischen - der Synchronisation.

Fügen wir zu diesen Überlegungen noch hinzu, daß der Film nicht nur als neue Kunstform eine große Rolle in unserem Leben spielt, sondern auch als Bildungs- und Erziehungsmethode und darüber hinaus als Reportage, Reklame und Agitation, so wird sein Zusammenhang mit der modernen Massenzivilisation wohl kaum zu leugnen sein.

Als Kunst für die große Masse ist die Filmproduktion eines der kostspieligsten, aber auch rentabelsten Unternehmen, die im Schoße der großkapitalistischen Wirtschaftsform gewachsen sind. Sie unterhält große Armeen teuer bezahlter Angestellter und Arbeiter, die sich aus verschiedensten Berufen rekrutieren; Schauspieler, Schriftsteller, Photographen, Musiker, Architekten, Maler, Beleuchtungstechniker und Handwerker aller Art, sie alle gehören zur Filmproduktion, die sie nicht nur beschäftigt, sondern, zum mindesten die Elite der Beschäftigten, zu ausgeprägten Repräsentanten der großkapitalistisch-bürgerlichen Welt prägt. Die arrivierten Autoren von Drehbüchern haben in ihrem äußeren Gebaren wie auch im ganzen Lebensstil so gut wie nichts mit den hungernden Musensöhnen des Quartier Latin gemein; die Filmstars sind keinesfalls legitime Erben vagabundierender Komödianten, die ihre tragischen Monologe in dunkler Erinnerung an das sakrale Wesen des Theaters wie Weltgerichtsszenen abrollen ließen. Die meisten Filme - leider nicht nur die Vulgärfilme - zeigen mit Vorliebe die Welt, der ihre Schöpfer angehören. Man achtet leider viel zu wenig darauf, daß die großen Ausstattungsfilme, mit den sich immer wiederholenden Hofbällen, Artistencafés, Zigeunergeigen und Liebesabenteuern, immer wieder den Neid der Kleinbürger, den Haß der klassenbewußten Proletarier und die Angst der höchsten Schichten erwecken, und so Abend für Abend in die sozialen Kämpfe unserer Zeit eingreifen. Wesentlicher als diese äußere Zuordnung von Film und Gegenwart ist die Art, wie sich der Film von Anfang an in den Kampf zwischen Religion und Wissenschaft eingeschaltet hat. Das Theater ist, wie bekannt, aus religiös-kultischen Wurzeln gewachsen. Wie im antiken Theater, so wurde auch im mittelalterlichen Mysterium Gott nicht nur als Inhalt der Vorstellung, sondern auch als der richtende Zuschauer des Spieles geglaubt. Diesen Richter hatte die religiös-mythische Bühne nötig, weil ihr großes Thema die Verfehlung des Menschen vor Gott war. Schelling hat wohl als erster darauf hingewiesen, daß durch den Humanismus der christliche Mythos zerstört und die Grundlage des mythischen Theaters gefährdet wurden. Schon bei Shakespeare übernimmt denn auch die Rolle der göttlichen Vorsehung der Charakter des Helden, wodurch der positiv religiöse, ganz gleich ob antike oder christliche Gehalt der Tragödie in die Sphäre des bloß Idealisstisch-Metaphysischen herabsinkt. Das Absterben der großen Theateridee - nicht der Schauspielkunst - und das Heraufkommen des Films fallen zeitlich zusammen. Geistesgeschichtlich gesehen bedeutet der Film die Überführung des alten Theaters aus der religiösen Ebene in die Ebene der Wissenschaft. Das Herzstück des Films ist nicht mehr der Mensch mit seiner ewigen Problematik von "Schuld und Sühne", sondern die ethisch und religiös nicht zu belangende Filmkamera, die ihre großartige Perfektion den modernsten Errungenschaften der Physik und der Chemie verdankt. Diese Photokamera ist aber keinesfalls, so wie man das fälschlicherweise eine Zeitlang angenommen hat, nur ein getreuer Kopist der Welt, sondern ganz im Gegenteil ihr phantasievoller Neugestalter. Die Magie der Kamera besteht darin, daß sie alle Raumverhältnisse und Zeitrhythmen der realen Welt, in der wir leben, umzudichten vermag. Sie kann die Dinge vergrößern und verkleinern, sie kann zerlinsen und überblenden, sie kann die gewohnte Welt aus den Fugen heben und sie in neuen Ordnungen zusammenfügen. Im Unterschied zum Theater weiß die Filmkunst nichts von einem Wort, das am Anfang war, das heißt von einem aller Geschichte vorgelagerten Sein. Das Sein des Films beginnt für seine Schöpfer erst mit ihrer eigenen Tat. Die Welt des künstlerischen Films ist des Films eigenster Entwurf, ganz in dem Sinne, in welchem für Sartre das Wesen eines jeden Menschen im Unterschied zu seinem Sein nicht eine Schöpfung Gottes, sondern des Menschen eigene Improvisationist.

Im Übereinstimmung mit der modernen Technik atmet auch der artgerechte künstlerische Film einen prometheisch-titanischen Geist. Der titanisch entwirklichende Geist der Filmkunst erklärt sich, wie ich das schon oben bemerkt habe, aus dem Geist der modernen Naturwissenschaft, für deren Weltbild wohl nichts charakteristischer ist, als daß man es nicht zu Gesicht bekommen kann. Ein scharfer moderner Erkenntnistheoretiker hat diese grundlegende Einsicht zu dem Satz verdichtet: "Die Welt erkennen heißt sie unkenntlich machen."

Diese unkenntliche Welt, die uns das Theater nicht zu zeigen vermag, kann uns der Film seinem ganzen Wesen nach mit Leichtigkeit sichtbar machen. Er kann uns das Kreisen der Erde um die Sonne und das langsame Aufbrechen der Knospe vor die Augen zaubern; er kann uns aber auch mit dem Bilde von Skeletten erschrecken, die sich in unsern verliebten Körpern umarmen und miteinander tanzen; er kann uns durch einfache Mittel die große Rolle sehen lernen, die kopflose Menschen seit je in der Geschichte gespielt haben. Dazu braucht er nur eine Reihe von Exzellenzen ohne Kopf um einen runden Regierungstisch zu setzen und sie ein politischen Problem diskutieren zu lassen, oder uns rhythmisch marschierende Stiefel zu zeigen, die durch ihr verselbständigtes Sein uns die Augen dafür öffnen, daß es tatsächlich Menschen gibt, die des Glaubens sind, man könnte mit den Beinen denken. Weitere und größere Aufgaben des Films hängen mit der modernen psychologischen Forschung aufs engste zusammen. So kann beispielsweise der Film das Leben und Leiden von Schizophrenikern - und im erweiterten Sinne gehören wir ja alle dazu - in die Welt der Kamera einfangen: Es ist filmtechnisch kein schwieriges Problem, die zwei Seelen in der einen Brust als zwei antlitzhaft verschiedene Gestalten den Zuschauern zu zeigen. Wie großartig wäre das Gespräch Iwan Karamasows mit dem Teufel zu verfilmen, mit seinem Doppelgänger und zugleich seinem Gegenspieler. Der mimische Dialog zweier Karamasowgesichter könnte zu einem höchst sublimen Kunstwerk gesteigert werden. Eine weitere Domäne des Films wäre die Traumwelt, in deren Erforschung unsere Zeit besonders Wesentliches geleistet hat. Hier könnte der Film in seiner phantastischen Bildersprache uns Dinge künden, die nicht einmal dem Dichterwort zugänglich sind.

Ob der hier nur mit ein paar raschen Worten angedeutete Film, der von seinen technischen Grundlagen und Möglichkeiten her zum intellektuellen Konstruktivismus, zum Surrealismus ohne "sur", das heißt ohne den Glauben an die Transzendenz, zur chaotischen Phantastik und zur psychoanalytischen Zergliederung der Seele als zu seine höchsten Prinzipien tendiert, als wahre Kunst bezeichnet werden darf, ist eine andere Frage. Aber sich eine Kunst vorzustellen, die unsere abgrundtiefe, zugleich großartige und ruchlose Zeit adäquater spiegeln könnte, als es der artgerechte Film zu tun vermag, ist wohl kaum möglich.