Ein Rundgang durch das Almdorf Seinerzeit bestätigt den ersten Eindruck. 21 Holzhütten ducken sich rund um einen Dorfteich. Bauernblumen wuchern neben den Kieswegen, der Duft von trockenem Heu liegt in der Luft. Ein Wetterhahn zeigt nach Süden. Bestimmt biegt Heidi gleich um die Ecke! Und es ist still, sehr still. Kein Wunder, befindet sich doch unser Dorf an den Hängen des Nationalparks Nockberge in Kärnten auf einem sonnigen Bergplateau 1400 Meter über dem Meeresspiegel.

Was uns hier erwartet? Wir sind gespannt. Jedenfalls kein Spielplatz und kein Kinderclub. Am Ende unserer Reise wissen wir, warum.

Unsere Hütte liegt direkt vor dem kleinen Teich in der Mitte des Dorfes. Und während das Gepäck vom Parkplatz angefahren wird, staune ich wieder einmal über die Geschwindigkeit, mit der Kinder Freundschaft schließen. »Mami, Papi, ein Floß!«, ruft Simon, »darf ich mitfahren?« Und noch bevor wir ja oder nein sagen können, sitzt er neben zwei Mädels, die über den fünfjährigen Neuzugang offensichtlich entzückt sind.

Auch gut, so haben wir Zeit, unser Domizil zu inspizieren: Das circa 75 Quadratmeter große Holzchalet entspricht vom Steinfundament bis zum Schindeldach der Architektur, die in der Region typisch ist. Die festen Teile der Hütte sind gemauerte Ziegel, handverputzt mit Mörtel und Kalk. Draußen ein Schrei: »Mamiiii, guck mal, hier sind überall Fische!« Das Floß schwankt bedenklich unter so viel Begeisterung. Aber der Teich ist nicht tief, also zurück in die Hütte.

Auch bei der Inneneinrichtung stand die Tradition Pate, ohne dass sich gleich Musikantenstadl-Atmosphäre verbreitet. Von der voll eingerichteten Wohnküche zweigt rechts die »gute Stube« ab mit Jogltisch und Kachelofen, der auch als offener Kamin verwendet werden kann und offenbar unter Katzen als Geheimtipp gehandelt wird. Immerhin: Telefon und Fernsehgerät sind zugelassen.

Links von der Küche befindet sich ein Badezimmer mit Holzzuber, oben entdecken wir zwei Mansardenschlafzimmer mit je drei Betten und ein zweites Badezimmer. Alles schlicht, aber gemütlich. Das Holz wurde weder mit Farbe noch mit Chemikalien behandelt. Selbst die Dächer sind wie früher aus Lärchenholzschindeln gefertigt. Zwischen den Wandritzen spitzt Schafwolle zur Wärmedämmung hervor.

Große Aufregung draußen vor der Hütte: Am Teich steht Horst und fischt den Karl und den Fritz raus und anschließend noch die Bärbel. Nein, nicht unsere Kinder. Horst, der Bruder des Hausherrn, angelt Regenbogenforellen, und jede hat ihren Namen. Anton, der Dicke, hatte noch einmal Glück. Horst ist umringt von staunenden Kids, die natürlich mithelfen dürfen. Stolz steckt die elfjährige Daniela einen Regenwurm an den Haken - oder das, was davon noch übrig ist. Die Kinder sind fasziniert, haben Mitleid. »Des g'hört auch zur Natur«, lacht Horst. Unser Kind ist ab sofort sicher, nie mehr in seinem ganzen Leben »echten Fisch« zu essen, »nur noch Fischstäbchen«. So schnell können erzieherische Bemühungen zunichte gemacht werden! Während die Erwachsenen die zappelnde Beute im Geist bereits mit Zitrone verziert auf dem Teller liegen sehen, stieben die Kinder in den Gasthof, belegen ihren eigenen Tisch - den sie bis zum Urlaubsende auch hartnäckig verteidigen - und bestellen bei Josef, dem Gutmütigen: Spaghetti Bolognese und als Nachtisch Kaiserschmarrn.