Berlin

Fast eine halbe Din-A4-Seite nimmt Walter Riesters neue Formel im Rentengesetz der Bundesregierung ein. Garniert mit Bruchstrichen, Klammern und Exponentialen, wirkt sie auf mathematische Laien ziemlich imposant. Beeindruckend ist auch die Vorgeschichte: Bis hin zum fernen Jahr 2050 mussten die Beamten des Arbeitsministers Hochrechnungen erstellen. Die Bundesregierung, so der oberflächliche Eindruck bei der Betrachtung von Riesters Zahlenwerk, hat die Probleme der Überalterung mit viel mathematischem Ehrgeiz erfasst und womöglich sogar im Griff.

Leider stimmt das nicht. Wenn der Arbeitsminister in den kommenden Tagen seine Rentenreform vorstellt, fängt die Arbeit erst richtig an. Das gilt nicht nur für Riesters Job, der sich um Konsens mit Gewerkschaften und Opposition bemühen muss, es gilt auch für den Rest der Politik: Die wahren Folgen des demografischen Wandels sind noch nicht einmal überall erkannt.

Schulen und Unis, sogar die Verkehrsplaner sollten umdenken

Schließlich ändert sich viel mehr als nur das Rentensystem, wenn die Bevölkerung eines Landes spürbar altert. Kranken- und Pflegeversicherung müssen sich ebenso umstellen wie Schulen und Universitäten. Die Innenpolitiker müssen Regeln für den Zuzug ausländischer Arbeitskräfte finden, die Verteilungsdebatte verschiebt sich mit wachsendem sozialem Gefälle in der neuen Erbengeneration. Vielleicht ändert sich auch die Rolle der Frauen, wenn Fachkräfte noch knapper werden und Hausfrauen und Mütter sich öfter aus der stillen Reserve locken lassen.

Und vermutlich tut sich noch viel mehr: Beim Straßenbild, dem Wohnungsbau, sogar im Verkehr. In Florida zum Beispiel sind Kommunen, die überwiegend von wohlhabenden Senioren bewohnt werden, schon heute an besonders großen Verkehrsschildern und auffallend breiten Mittelstreifen zu erkennen.

Auch die gesellschaftlichen Folgen sind längst nicht klar: Glaubt man dem Hamburger Modezar Wolfgang Joop, bleibt nicht einmal das alte Schönheitsideal so, wie es war. "Grey is beautiful", verkündet er, Falten und weiße Schläfen würden längst nicht mehr als Makel registriert. Trendforscher allerdings rechnen mit dem Gegenteil: Was rar ist, ist begehrt - je seltener Jugendliche werden, desto krasser der allgemeine Jugendwahn. Gut möglich, dass davon irgendwann auch Familien profitieren. Frauen- und Familienministerin Christine Bergmann (SPD) jedenfalls erhofft sich angesichts weiter rückläufiger Geburtenzahlen "einen größeren Respekt vor Müttern, die Kinder großziehen".