Wenn junge Menschen die Schule verlassen, beherrschen sie Sprache und Schrift nicht so, wie es die Gesellschaft von ihnen erwartet. Eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer Köln zum Beispiel ergab im vergangenen Jahr, dass die Personalchefs großer Ausbildungsbetriebe mit den Deutschkenntnissen vieler Schulabgänger nicht zufrieden sind. Viele Hochschullehrer trauen der Aussagekraft des Abiturs nicht mehr und fordern Studieneingangsprüfungen. Häufigster Mangel in den Arbeiten von Anfangssemestern sind gedankliche und sprachliche Ungenauigkeiten sowie der Verzicht auf Untersuchungsfragen und einen roten Faden.

Von den früheren fünf Wochenstunden blieben drei

Eine der Ursachen für diese Defizite liegt in dem unzureichenden Anteil an Deutschstunden in den Schulformen des Sekundarbereichs. Diese Vermutung wird bekräftigt durch ein Ergebnis der jüngsten Bildungsstudie der OECD, einem Zusammenschluss von 29 Industrieländern. Während in Deutschland auf den Fremdsprachenunterricht 21 Prozent der gesamten Unterrichtszeit entfallen, widmen ihm die Schüler aus vergleichbaren Industrieländern im Durchschnitt nur 11 Prozent ihrer Zeit. Dagegen ist der Anteil des muttersprachlichen Unterrichts am Gesamtunterricht in Deutschland deutlich kleiner als in anderen führenden Industrieländern: Mit 14 Prozent liegt Deutschland hinter den USA und Frankreich (jeweils 17 Prozent), Schweden (22 Prozent) sowie Irland und Italien (23 Prozent).

Entsteht ein neues gesellschaftliches Problem, wie etwa die zunehmende Gewalt von Jugendlichen, so wird der Deutschunterricht mit der Behandlung beauftragt. Wird ein neues Fach eingerichtet, wie Politik oder Technik, oder werden Vertiefungen ab Klasse 9 angeboten, knappst man bei der Muttersprache noch eine Stunde ab, sodass in der Sekundarstufe I von den früheren fünf Wochenstunden nur noch drei übrig geblieben sind. Mit dieser steten Verknappung muss Schluss sein. Deutsch ist kein Allerweltsfach, in dem oberflächlich immer neue Probleme besprochen werden. Vielmehr folgen mündliche und schriftliche Äußerungen Regeln der Logik und Rhetorik, wenn sie als wahr gelten und wirksam werden sollen. Mindestens vier Stunden pro Woche sollte der Deutschunterricht auf den höheren Jahrgangsstufen des Sekundarbereichs I und in den Grundkursen der Oberstufe beanspruchen dürfen.

Weshalb ist mehr muttersprachlicher Unterricht nötig? Zunächst wird immer wieder davon gesprochen, dass Schüler beim Lernen vor allem Schlüsselqualifikationen erwerben sollen. Sieht man sich einmal nur die fünf in der pädagogischen Literatur am häufigsten genannten Qualifikationen an: Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Flexibilität, Kreativität, Denken in Zusammenhängen, so wird sofort klar, dass Sprache nicht nur Medium, sondern Gegenstand dieser Leistungen ist. Kommunikation etwa bedeutet die Fähigkeit, sachkundig ein Gespräch zu führen, die Diskussionsteilnehmer zu verstehen, die angemessene Form der Antwort zu wählen, Takt zu üben und Kompromisslinien zu finden. Es gibt Regeln für Diskurse in der Gesellschaft, die zu beherzigen und zu lernen sind. Es reicht nicht, von der Sache etwas zu verstehen, man muss sie auch angemessen sprachlich vermitteln.

Die neuen Informationstechnologien haben hauptsächlich Textmaschinen hervorgebracht. Beim Aufrufen einer Datei auf dem PC stoßen Schüler auf Texte verschiedener Art, die identifiziert, analysiert und bewertet sein wollen. Eine neue Qualifikation werden wir unseren Schülern vor allem vermitteln müssen: die Bewertung von Informationen in der Datenfülle. Dazu ist analytische Kompetenz erforderlich. Aber auch die Textherstellung folgt vertrauten Formen: Brief, Nachricht, Bekenntnis und Geschichte. E-Mails fördern schon jetzt eine neue Briefleidenschaft, von der das 18. Jahrhundert mit seiner Briefkultur nur träumen konnte. Man lese vor der nächsten Mail noch einmal in Goethes Werther!

In allen neuen Schulrichtlinien wird wieder verstärkt der fächerverbindende Unterricht gefordert. Sieht man einmal davon ab, dass der Projektunterricht mit Regelmäßigkeit alle paar Jahrzehnte als die Lösung aller didaktischen Nöte angeboten wird, steckt hinter der Idee ein richtiges Konzept: Der Unterricht sollte stets sichtbar machen, aus welcher umfassenden Frage das anstehende Problem erwachsen ist und was seine Klärung zu deren Lösung beitragen kann. Insofern ist die Projektmethode nach Phasen systematischen Unterrichts hin und wieder anzuwenden.