Russische Aussiedler, das waren für Gordon Schmidt bis vor einem halben Jahr Leute "so mit Scheitel". Inzwischen hat der 26-Jährige "viel erfahren": über das Leben in Russland, die Zerrissenheit der Russlanddeutschen, über ihre Rollenbilder von Mann und Frau. "Und das ist mir viel wert", sagt er. Seinem Arbeitgeber auch. Schließlich hat der ihm diese Erfahrungen erst ermöglicht. Einmal die Woche hat Gordon Schmidt - bei gleichbleibendem Gehalt - für zweieinhalb Stunden frei, damit er in der Sporthalle in Berlin-Lichtenberg russischen Aussiedlern Volleyballtraining geben kann.

Schmidt arbeitet als Verkäufer in der Kinderabteilung von Nike Town, dem Warenhaus, das der US-amerikanische Sportartikelhersteller im vergangenen Jahr in Berlin eröffnet hat. Doch Nike will mehr als nur verkaufen. Die Firma schickt acht ihrer Mitarbeiter zum freiwilligen Einsatz in soziale Einrichtungen. Gordon Schmidt ist einer von ihnen.

Firmen, die das ehrenamtliche Engagement der Mitarbeiter fördern, gehören in den USA, in Großbritannien und den Niederlanden längst zum Alltag. Gute Taten rechnen sich - nicht erst im Jenseits. Diese Überzeugung ist vor allem in den angelsächsischen Ländern fester Bestandteil der gesellschaftlichen Tradition. Hierzulande denkt man immer noch ganz anders. Die deutsche Wirtschaft hilft dem Gemeinwesen lieber mit Geld- und Sachspenden. Doch in jüngster Zeit wächst auch in Deutschland die Zahl der Unternehmen, die mehr tun wollen als Schecks unterschreiben. Vorreiter sind die deutschen Niederlassungen von US-Firmen, denn in den USA ist die Idee von der sozialen Verantwortung der Unternehmen für die Gesellschaft besonders stark verankert.

In vier von fünf US-Firmen gibt es so genannte Volunteer-Programme - Programme, mit denen die Unternehmen den freiwilligen Einsatz ihrer Mitarbeiter für das Gemeinwesen fördern. Das fand das Center for Corporate Community Relations (CCCR) am Boston College vergangenes Jahr in einer Umfrage heraus. Von den Unternehmen wird in den USA traditionell erwartet, dass sie nicht nur Gewinne machen, sondern sich als gute Staatsbürger, als corporate citizen, an der Lösung gesellschaftlicher Probleme beteiligen. Mehr als jeder dritte US-Bürger bewundert vor allem, wenn Firmen nicht nur mit Geld, sondern mit Taten auf soziale Notstände reagieren. Also stiften US-Unternehmen heute lieber Know-how und die Arbeitskraft ihrer Angestellten. Und einige erproben diese Form der Wohltätigkeit jetzt auch in Deutschland.

So will Ford auch am Standort Köln "ein guter Bürger" sein und stellt seine Mitarbeiter seit Mai für den Community Service frei. Sechzehn Arbeitsstunden pro Jahr können sich Freiwillige in vom Unternehmen ausgewählten sozialen und Umweltschutzprojekten engagieren. Bei Timberland in München bekommt jeder Mitarbeiter vier Tage im Jahr frei, an denen er in einem Kinderheim in der Nähe der Firma seinen gemeinnützigen Dienst tut: die Fahrräder der Kinder repariert, beim Umzug hilft, Computerkurse gibt. Auch deutsche Großunternehmen entdecken "bürgerschaftliches Engagement". Henkel zum Beispiel mit seinem Projekt "Miteinander im Team". Vereine, Initiativen, Selbsthilfegruppen, für die die Mitarbeiter in ihrer Freizeit ehrenamtlich arbeiten, unterstützt der Chemiekonzern mit Geld und Expertenrat.

Vorbilder können Firmen aber nicht nur in den USA, sondern durchaus auch in Deutschland finden. So gibt es in den Kommunen seit vielen Jahren Verbindungen zwischen Unternehmen und Non-Profit-Organisationen: Der Handwerksbetrieb hilft beim Ausbau des Jugendclubs, der Bäckereiinhaber fährt die Fußballjugend kostenlos zu Auswärtsspielen. Doch diese Verbindungen "blühen meist im Verborgenen und werden in der Regel nicht systematisch angegangen, sondern kommen zufällig zustande", beobachtet der Sozialpädagoge und Fundraising-Berater Reinhard Lang von der 1996 gegründeten Bundesinitiative Unternehmen: Partner der Jugend (UPJ).

UPJ will solche Verbindungen zwischen Wirtschaft und sozialen Einrichtungen vermitteln und verstärken. Dazu hat die Bundesinitiative Servicebüros in zehn Bundesländern, regionale Anlaufstellen für beide Seiten. Ein ähnliches Ziel verfolgt Fundus - ein Netz aus Agenturen, die Experten für Bürgerengagement sind.