Kopenhagen

Es scheint nichts faul im Staate Dänemark. Die Geschäfte blühen, die Wirtschaft gedeiht. Ganze fünf Prozent Arbeitslose, halb so viele wie im europäischen Durchschnitt, finden sich zwischen Nord- und Ostsee, weshalb die sozialdemokratische Regierung ihr kleines Reich auch gern zum foregangsland auslobt: "Vorbild Dänemark".

Das Fünfmillionenvolk vom Stamm der Dänen, es ruht in sich. Man ist zufrieden mit sich selbst und dem Idyll unterm rot-weißen Dannebrog, wo sogar Politiker noch das Vertrauen ihrer Landsleute genießen. Jeder duzt jeden, und über allem schwebt nur die Königin.

Wenn es nur Europa nicht gäbe! Kommt das Thema auf die Tagesordnung, dann zersetzt regelmäßig Zwietracht die nordische Harmonie. Fünf Referenden über ihr Verhältnis zur Außenwelt hat die Nation seit 1972 hinter sich gebracht, am Donnerstag nächster Woche steht das sechste Plebiszit an - das vierte binnen acht Jahren. Erneut spaltet sich das Land in Ja- und Neinsager, debattieren die sonst so kühlen Nordeuropäer in wahren Fieberschüben den Beitritt zum Euro: rein oder nicht rein, das ist ihre Frage.

Und alle Welt schaut zu. Schließlich wird nirgendwo so volksnah und so hart über "Brüssel" gerichtet: 1992 drohte das "Nej" der Dänen die EU zu paralysieren, ehe ein zweites Votum 1993 den Maastricht-Vertrag passieren ließ (siehe unten: Stilles Bangen). Seither fühlen sich die Dänen geradezu auserwählt, im Namen Europas ein demokratisches Experiment auszurichten. Dabei vollziehen sich ganz besondere Rituale: Linke Volkssozialisten machen plötzlich gemeinsame Sache mit der neuen, fremdenfeindlichen Rechten, Bürgerbewegungen erklären ihren Widerstand gegen "zu viel Europa" zur Revolte gegen politische Mitte und elitäre Obrigkeit. Pro und Contra ringen mit Leib und Seele, bangen mal um die Nation, mal um den Kontinent. Bisweilen gerät Europa gar zur Frage der persönlichen Existenz.

Zum Beispiel Jens-Peter Bonde. Dieser linke EU-Gegner ist der Kopf der überparteilichen Juni-Bewegung, benannt nach jenem Monat des Jahres 1992, in dem er per Referendum seinen "Sieg gegen das EU-Establishment" errang. Jetzt könnte er's wieder schaffen, neuerdings deuten sämtliche Umfragen auf einen "Nej"-Sieg.

Bonde sagt von sich, er sei "seit 28 Jahren die Geisel einer Lüge" - der vermeintlichen "Grundlüge von Dänemarks Elite" nämlich, wonach Europas Einigung vor allem auf ökonomische Integration ziele. Darüber ist das dünne Haar des 52-jährigen Politologen ergraut. Seit 1979 ackert Bonde als Europaabgeordneter zu Straßburg, warnt zugleich als professioneller EU-Gegner nimmermüde vor einem "Brüsseler Superstaat" und dem Niedergang dänischer Volksherrschaft, der folkestyre.