Die Frage nach der Dichtung am Eingang des dritten Jahrtausend ist eine Form der Suche nach dem, was übrig bleibt. Die Dichtung, die die Kindheit der menschlichen Gesellschaften begleitete, war immer Ausdruck eines Moments des menschlichen Überflusses, der die Grenze des Heiligen im Dasein berührt. Das ist nicht verwunderlich bei den Arabern, denen sich Prophetentum und Poesie vermischen, denen der Koran ein Wunder des Prophetentums ist, auf dessen Sprache die Literatur gründet. Deshalb greift der moderne arabische Dichter Mahmud Darwisch nur auf seinen Urvater zurück, wenn er sagt: "Der Dichter ist der Himmel, der die Sprache der Erde spricht".

Der Dichter klopft mit seinem Wort an die Tür des Daseins und der Klang seines Pochens hallt wieder, bis sein Echo mit dem Verschlossenen des Daseins gleichschwingt und der Glanz des Wissens und das Licht der Vernunft hervorbrechen. Daher die Übereinstimmung wie der Widerspruch zwischen Philosophie und Dichtung. Die Dichtung ist Enthüllung, die Philosophie Erforschung. Der Dichter sagt "das Heilige", der Philosoph sagt "die Existenz". Die Poesie ist nicht der Macht des Vernunft unterworfen und lässt sich nicht von ihren Grenzen aufhalten. Für den Dichter sind in jedem seiner Sätze zahlreiche Bedeutungen enthalten, während die Prosa des Philosophen danach strebt, jedem Wort und jedem Satz nur eine Bedeutung zu unterlegen. Mit diesem Unterschied begründet Octavio Paz das Labyrinth, das in der Poesie ausgedrückt ist, oder besser gesagt, das sie herbeiführt. Das poetische Wort ist wie der Zauber oder die Fata Morgana, der Eingang zur Wasserstelle in der Wüste. Die Wörter erhalten in dem poetischen Text wieder ihre ursprüngliche Flamme, ihren Ursprung. "Warum bleiben wir nicht bei dem ersten Menschen, der den Mond auf die eine oder andere Weise bezeichnet hat?"

Die Dichtung gibt den Worten ihre Bedeutung zurück

Wenn der Mensch die Dinge benennt, ist dies ein Schaffensakt, er stellt ihre Existenz fest, und sie existieren. Die Aufgabe des Poeten ist es, besonders in Epochen wie unserer, den Worten ihre klare Bedeutung wiederzugeben und ihnen ihre Alltagsbedeutung zu nehmen. Reinigt also der Dichter die Wörter von den unreinen Farbtönen der Gegenwart, wie Octavio Paz es sieht? Entsteht das dichterische Wort durch das Lauschen auf die Stimme der Sprache? Der Dichter zeigt die Worte nackt, und das ist der Grund für die Betroffenheit, die Dichtung auslöst.

Der arabische Sufi Al-Naqri lehrt uns die Weisheit des Lauschens, die Suche nach der Morgendämmerung, die in der Nacht des gängigen Wortgebrauchs verborgen ist. Führt uns dieses Geheimnis der Morgendämmerung zu einem gemeinsamen Ursprung der Worte, so wie Darwin zum Ursprung der Arten fand? Können wir Wörter finden, mit denen die absolute Dichtung geschaffen werden könnte, die weder westlich noch östlich, nördlich oder südlich ist, entsprechend dem Traum Rimbauds von der Durchdringung der Sprachen und der Verschmelzung der Kontinente? Kann das Gedicht die Grenzen überschreiten, um zu der reinen Sprache zu gelangen, in der das Verhältnis der Dinge und Wörter noch frei von Ideologie, Geschichte und Nationalismus war?

So einfach ist die Sache nicht. Die Sprache kann ihre Geschichte nicht ablegen wie eine Frau das Kleid. Die Sprache ist nicht nur Wort, Ausdruck, Andeutung, Symbol und Hinweis, sie ist auch Volk und Land, Geschichte und Erinnerung. Wir können auch sagen, dass sie ein Bestandteil unserer Identität ist, einer dynamischen Identität, die nicht von ewiger Dauer ist, sondern deren Erscheinungsformen mit der Geschichte wechseln. Andererseits exitsiert die Welt nicht ohne Sprache. Ein Dichter drückte es so aus: "Zwischen Mund und Kehle erstreckt sich der gefährliche Bereich des menschlichen Körpers, aus ihm entstehen die Dinge und werden die Gesetze geschaffen".

Heißt das, dass die Welt nichts als Worte sei und wir nichts wahrnehmen, was wir nicht mit Worten beschreiben können? Das Wort begründet die Existenz, oder anders ausgedrückt: wo Sprache ist, da ist jener ausdauernde Austausch zwischen Entscheidungen, Vorsätzen, Irrtümern, Niederlagen und Täuschung. Wo Welt ist, ist auch Geschichte. Die Sprache macht den Menschen erst zu einem geschichtlichen Individuum. Und auch wenn der Dichter die Sprache von ihrer alltäglichen und gebräuchlichen Färbung reinigt, so kann er ihr doch nicht die Haut abziehen, nicht ihre Abstammung verschwinden lassen. Jedes Gedicht wird wie ein Baum in die Erde gepflanzt und seine Wurzeln absorbieren das Wasser des Lebens aus gemeinsamer Gesellschaft und Geschichte. Doch ihre Zweige reichen bis weit in den Himmel und breiten sich über den ganzen Horizont in einem nie endenden Dialog zwischen dem Ich und dem Anderen. Eben durch diese Ambivalenz erneuert sich die Dichtung und schafft immer neue Schönheit und Harmonie. Ohne sie gälte mit Recht die Sorge des arabischen Dichters, der vor 2000 Jahren die dichterische Existenz durch die Gefahr der Wiederholung bedroht sah: "Was wir sagen, ist nichts als eine Wiederholung dessen, was bereits gesagt worden ist, jedoch mit eigener Formulierung".