Spiegel: Nein, geschweige denn überhaupt das Thema nicht mehr beachten. Das wäre fatal. Das wäre genau das, was vor etwa acht bis neun Jahren passiert ist. Da war auch so ein Aufflammen von Rechtsradikalismus. Dann hat sich das wieder gelegt und da hat man gesagt, nun kann man zur Tagesordnung übergehen. Ich bin der Meinung, wenn wir nicht diese Bekämpfung des Rechtsradikalismus, der Fremdenfeindlichkeit mit einer enormen Nachhaltigkeit von allen Seiten betreiben, von allen demokratischen Seiten und von allen pädagogischen Seiten, dann sind wir wieder einer erneuten Gefahr ausgesetzt. Das ist kein Thema, was man einfach hochjubelt und dann wieder herunter, sondern es muss eine Nachhaltigkeit vorhanden sein. Mit Nachhaltigkeit meine ich, dass auch in der Vermittlung des Wissens, Vermittlung der Kenntnisse um das, was geschehen ist, bei jungen Leuten wirklich durchgehend nachhaltig und überzeugend vermittelt werden muss.

Gerner: Sie haben ja mehrfach geäußert, dass Sie die Lehrerausbildung für nicht genügend halten. Was läuft Ihrer Ansicht nach an den Schulen falsch?

Spiegel: Dass in den letzten Jahren etwas falsch gelaufen ist, das müssen wir einfach feststellen, denn sonst wäre das ja nicht passiert was passiert. Denn kein Mensch wird ja als Neonazi oder als Rechtsradikaler geboren. Irgend etwas ist also schief gelaufen, vielleicht im Elternhaus, aber ganz bestimmt auch in den Schulen. Ich habe durch viele Gespräche mit und vor Schülern sowie mit Lehrern feststellen können, dass schon ein Interesse vorhanden ist. Das Interesse bei Schülern, die Frage beantwortet zu bekommen, was ist geschehen, und die Frage beantwortet zu bekommen, wie konnte es passieren, dass mein Volk das zugelassen hat, ist grundsätzlich vorhanden. Ich stelle fest, dass die Lehrer auch interessiert und engagiert sind. Nur ich bin davon überzeugt und habe das aus vielen Gesprächen mit den Lehrern bestätigt bekommen, dass sie in der didaktischen Form des Vermittelns dieses Themas nicht genügend vorbereitet sind.

Gerner: Ist das ein Plädoyer für mehr Geschichtsunterricht?

Spiegel: Nein, aber ein interessanterer Geschichtsunterricht. Man kann ja nachvollziehen, wenn Schüler in den Medien über Rechtsradikalismus, über drittes Reich, über Holocaust lesen, in den elektronischen Medien sehen und hören und dann kommt der Lehrer und sagt, heute nehmen wir das dritte Reich vor, dann kommt ein lautes Stöhnen. Die Frage ist, wie bringt man es heute in einer wirklich interessanten Art und Weise herüber. Was auch dazu gehört ist mehr Wissen über Gemeinsamkeiten mit dem Judentum, dass Judentum nicht ausschließlich Holocaust ist, dass Judentum in Deutschland schon viele Jahrhunderte existiert. Was die Juden in Deutschland für Wirtschaft, Kunst und Kultur geleistet haben, das muss auch vermittelt werden.

Gerner: Stichwort Schule. Für viele Eltern sind Klassen mit einem hohen Ausländeranteil ein Problem. Gibt es eine Alternative dazu?

Spiegel: Nein, dazu gibt es keine Alternative. Es kann auch nicht das Problem sein. Die Stadt Frankfurt hat zum Beispiel mit 30 Prozent den größten Ausländeranteil jeder deutschen Stadt. Es hat in den letzten Monaten keinen Fall von Ausländerfeindlichkeit gegeben. In kleineren Städten von Sachsen oder Thüringen, wo ein Ausländeranteil von zwei, drei Prozent ist, ist in Meinungsumfragen bei den jungen Leuten durchgehend zu hören, wir mögen die Ausländer nicht. Irgend etwas ist da falsch gepolt worden. Genauso gut wenn wir von Antisemitismus sprechen. 99 Prozent der deutschen Bevölkerung, auch der Jugendlichen, kennen persönlich keinen Juden. Es ist auch schwer, bei 0,1 Prozent der Bevölkerung einen Juden kennen zu lernen. Trotzdem gibt es den Antisemitismus in Deutschland in einer nicht unerheblichen Anzahl, wie wissenschaftliche Untersuchungen festgestellt haben. Also es braucht nicht die Anwesenheit des Ausländers, es braucht nicht die Anwesenheit von Juden, um entweder ausländerfeindlich oder Antisemit zu sein.