Heinlein: Am Telefon ist nun der EU-Sonderkoordinator für den Balkan-Stabilitätspakt, Bodo Hombach. Guten Morgen!

Hombach: Guten Morgen Herr Heinlein.

Heinlein: Herr Hombach, die Opposition sieht sich vorne bei diesen Wahlen. Glauben Sie, dass Milosevic bereit ist, die wahrscheinliche Niederlage zu akzeptieren?

Hombach: Das ist noch offen. Das wäre Vorherseherkunst, die Sie von mir abverlangen, über die ich auch nicht verfüge. Aber eins ist schon ganz klar: Es ist ein schweres politisches Debakel für ihn, denn er hatte sich das ja so schön vorgestellt. Er hatte die Wahlen schnell ausgelöst, weil er glaubte, er könne sich und der Welt beweisen, das serbische Volk stünde hinter ihm.

Das ist ja bei solchen Diktatoren so. Die wollen sich selber und der Welt glauben machen, sie regierten für die Mehrheit. Wir erinnern uns ja alle noch an den Satz von Herrn Mielke: "ich liebe euch alle". Herr Milosevic lebte wohl in dem Wahn, er stünde stellvertretend für sein Volk. Nun ist eindeutig klar, egal was er tut: das ist der Anfang vom Ende seiner Ära. Denn wenn er jetzt das Volk um seine Stimme betrügt, dann weis man das in Serbien und um Serbien herum. Das ist der Beginn vom Anfang einer demokratischen Entwicklung. Deshalb müssen wir bereit sein, die demokratischen Kräfte, die freien Medien, die, die jetzt Opposition sind, aber schon das Mandat des Volkes haben, nachhaltig zu unterstützen, denn Serbien gehört wieder in die europäische Völkergemeinschaft, damit endlich Ruhe und Stabilität herrscht in der ganzen Region.

Heinlein: Mit welchem Szenario, Herr Hombach, rechnen Sie für die kommenden Tage: mit einer friedlichen Übergabe der Macht an Kostunica, mit Chaos und Gewalt oder mit einer anhaltenden Hängepartie vielleicht bis zu einer Stichwahl?

Hombach: Da muss ich Ihnen sagen, dass wir natürlich auch wie alle anderen auf Spekulationen angewiesen sind. Wir waren während der ganzen Nacht, aber auch schon an den Tagen zuvor natürlich im engsten Kontakt mit denen, die dort die Wahlen zu organisieren haben oder auch beobachten. Sie haben gemerkt, dass es den Oppositionsparteien gelungen ist, ein eigenständiges Informationsnetz aufzubauen und aufrecht zu erhalten gegen alle Schikanen und gegen alle Behinderungen. Sie haben gesehen, dass das serbische Volk mit nahezu 80 Prozent sich an den Wahlen beteiligt hat. Das ist eine Demonstration, die zeigen soll - und das finde ich müssen wir hören -, dass das serbische Volk sich nicht einpferchen lassen möchte hinter die Grenzen, sondern dass es sich öffnen möchte zu seinen Nachbarn und zu Europa.