Diese 90 Seiten sind eine Provokation. Man liest sie wie in einem Satz, mit wachsender Beklommenheit, mit angehaltenem Atem. Das Büchlein nennt sich Roman, und es hat dessen Gewicht. Aber es handelt sich eher um eine Erzählung, um ein Traktat über das Thema des Titels: den Wert des Menschen. Gibt es jenseits der technisch verfügbaren Masse Mensch ein unverfügbares Humanum? Wie steht es mit der Würde, von der unser Grundgesetz spricht?

Der Roman spitzt die Frage zu: Ist es wirklich wahr, dass die Zurichtung des Menschen zum Arbeitstier, zur bloßen Funktionseinheit im Produktionsablauf, wie der moderne Kapitalismus sie gnadenlos durchsetzt, nichts anderes ist als die Fortsetzung jener Züchtungsfantasien, die der Nationalsozialismus praktiziert hat? Eine kühne Frage. Und es spricht für die überlegene erzählerische Intelligenz des belgischen Schriftstellers François Emmanuel, dass er sie nicht platt beantwortet. Aber das ebenso finstere wie raffinierte Spiel der Täuschungen und Selbsttäuschungen, das die mit raschen, harten Strichen skizzierte Geschichte vorantreibt, macht den bizarren Gedanken plötzlich plausibel.

Spannend und plastisch ist das Buch von Anfang an, und das ist insofern erstaunlich, als der Autor mit äußerster Askese den folgenden Vorgang schildert: Der Betriebspsychologe im französischen Tochterunternehmen eines großen Konzerns wird vom Vizedirektor darum ersucht, die seelische Verfassung, also die Funktionstüchtigkeit des Direktors näher zu erkunden und Bericht zu geben. Der Psychologe (er ist der Ich-Erzähler) sieht sich in der Klemme. Weist er das Ansinnen zurück, so gefährdet er seine Position. Nimmt er es an, so wird er Teil einer undurchsichtigen Intrige, die ihn Kopf und Kragen kosten kann.

In früheren Zeiten hätte man den Konflikt tragisch genannt, aber zur Tragik gehört Transzendenz. Wo nur die Rendite herrscht, gibt es allenfalls den unvermeidlichen Fehler. Der Psychologe begeht ihn. Beim Studium der Personalakte findet er, dass der Direktor vor Jahren ein Streichquartett des Betriebs geleitet hatte. Unter dem Vorwand, sich um dessen Wiederbelebung kümmern zu wollen, sucht er den Direktor auf und findet einen gepanzerten Mann, der offenkundig unter extremen inneren Spannungen leidet und dem Wahnsinn nahe scheint.

Die Luke, die sich dem Psychologen öffnet, ist nicht zufällig die Musik. Sie ist eine Form der Transzendenz, sie ist die Schwäche des Direktors, der den Betrieb mit eiserner Hand führt. "Vier Jahre zuvor war ein Sanierungskonzept umgesetzt worden, das die Schließung eines Werks und Personalreduzierungen von 2500 auf 1600 Einheiten beinhaltete. Indirekt", so berichtet der Psychologe, "war auch ich an dieser Umstrukturierung beteiligt gewesen, da mich die Firmenleitung beauftragt hatte, die Evaluierungskriterien unabhängig vom Alter oder der Dauer der Firmenzugehörigkeit zu verfeinern."

Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen

Die Sprache kennen wir. Es ist die Sprache der Sanierer und der Abwickler. Wir haben uns daran gewöhnt. Woran genau? Emmanuel zeigt es uns. Der Direktor hat einige anonyme Briefe erhalten, die ihn zutiefst verstören. Es sind Collagen zweier Texte. Der eine ist ein Dokument aus dem Jahr 1941 über die technische Verbesserung von Lkw, in denen Menschen vergast wurden. Von Menschen ist nicht die Rede, nur von "Ladegut" und von "Stückzahl". Es heißt: "Die Beschickung der Wagen beträgt 9-10 pro qm." Der zweite Text besteht aus Sitzungsprotokollen über Fragen technischer und innerbetrieblicher Optimierungsmaßnahmen. Darin heißt es: "Verschiedene a priori oder a posteriori angewandte Klassifizierungsverfahren haben es möglich gemacht, homogene Gruppen von Individuen auszusondern." Der anonyme Absender blendet die verschiedenen Texte so ineinander, dass daraus ein einziger wird. Er entlarvt das Management des Konzerns als inhuman - allein durch Sprachanalyse.