Kai Jünemann musste sich ein zweites Mal wundern: Die Kamera, die ihm das Magazin zur Verfügung stellte - eine Olympus Camedia C3030 -, war einfach zu bedienen. Sie machte Fotos von verblüffender Schärfe. Auf dem Computerschirm zu Hause sahen diese tadellos aus, ebenso wirken sie nun im Druck (siehe Foto auf dieser Seite). Zudem hatte Jünemann nur halb so viel Arbeit wie sonst: Er brauchte vor den Aufnahmen keine Testpolaroids zu knipsen, er sah die Fotos ja bereits auf dem eingebauten Bildschirm. Und zwei Stunden später waren die Fotos beim Auftraggeber, per E-Mail.

Seine Bilder sind jetzt bei einer Diaschau auf der Photokina in Köln zu sehen, am Stand der Zeitschrift Computerfoto[1] . Diese hat 20 junge ambitionierte Fotografen gebeten, die neue Technik auszuprobieren; sonst sind diese mit gewöhnlichen Kameras für renommierte Zeitschriften unterwegs. Das Ergebnis ist erstaunlich. »Unser Experiment widerlegt alle Vorurteile, die Skeptiker gegenüber dem digitalen Medium hegen«, sagt die Chefredakteurin Inas Fayed. »Bisher hieß es, die Auflösung der Kameras sei zu gering, um damit wirklich gute Fotos zu machen - etwa für Zeitschriften, die Wert auf Optik legen. Das stimmt nicht.«

Pünktlich zur Eröffnung der größten Fotomesse der Welt wird damit der Mythos widerlegt, digitale Fotografie reiche in ihrer Qualität nicht an die analoge heran. Ein Profi-Dia im Format sechs mal sechs Zentimeter besteht aus 50 Millionen Bildpunkten - das schaffen die lichtempfindlichen Chips, die in den neuen Kameras den Film ersetzen, nun mal nicht. Auf ein paar Millionen Megapixel bringen sie es aber schon, und das genügt offenbar für einige professionelle Anwendungen: Computerfoto benutzte bei seinem Experiment Kameras mit einer Auflösung von drei Millionen Pixeln. Solche Geräte sind jetzt für 2000 Mark zu haben, etwa von der Firma Sony, die ein solches Gerät auf der Photokina vorstellt (Sony Cybershot DSC-P1). Für gut den doppelten Preis gibt es von Olympus eine Spiegelreflexkamera mit vier Megapixeln (Olympus Camedia E-10).

»In diesem Jahr kann man zum ersten Mal eine Digitalkamera kaufen, ohne Kompromisse bei der Qualität einzugehen«, freut sich der Arbeitskreis Digitale Fotografie, eine Vereinigung von Verlagen und Branchenverbänden. Digitale Geräte drohen den herkömmlichen Amateurkameras langsam, aber sicher den Rang abzulaufen: Die Verkaufszahlen haben sich in Deutschland verdoppelt, jede siebte neue Kamera ist bereits eine digitale.

Ganz klar, dass auch junge Fotografen und Künstler das schnelle, billige Medium immer häufiger nutzen. Sie loten die neuen ästhetischen Möglichkeiten aus und schaffen Bilder, die mit den bekannten Spielereien der Werbefotografie wenig zu tun haben - an fliegenden Elefanten und ähnlichen typisch digitalen Effekten hat sich das Publikum bereits satt gesehen.

Henry Bond und Till Bortels verhilft die neue Technik zu größerer Spontaneität, weil sie sich nicht um die Kosten von Filmmaterial scheren müssen und viel schneller auf den Auslöser drücken - so entsteht eine beschleunigte Reportagefotografie. Burkhard Schittney und Yotta Kippe setzen dagegen auf die Nachbearbeitung am Computer: Programme wie Photoshop ermöglichen es, Fotos aussehen zu lassen, als wären die Motive von Egon Schiele gemalt; Gesichter erhalten den Blick von Außerirdischen. Mit dieser Technik entstand auch unser Titelbild, das der Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Ruff angefertigt hat. Für ihn eröffnet die Fotografie aus Bits und Bytes eine neue Welt: »Fotografen können endlich tun, wovon sie immer geträumt haben.«

Eine digitale Kamera wird sich Ruff wohl trotzdem so bald nicht kaufen. Wenn er nicht gerade Motive aus dem Internet holt, liest er gewöhnliche Fotos in den Computer ein - für seine stets großformatigen Werke reicht die Qualität digitaler Kameras noch nicht aus. Seine Kollegin Yotta Kippe hat sich dagegen etwas ganz Neues ausgedacht: Sie legt Alltagsgegenstände auf den Scanner, der Oberflächen abtastet und digitalisiert. Eine Kamera ist für diese Art der Fotografie gar nicht nötig.