Ich hab mir auch extra noch dieses Ding hier für den Kopf gekauft, einen kleinen Sonnenschirm in den Farben der australischen Flagge. Im Stadion habe ich dann noch eine Welle gestartet, ich ganz allein! Die Welle ging bestimmt zehnmal rum, und das bei fast 20 000 Zuschauern!

Was mein eigener Sport ist? Ach, ich war eigentlich nie besonders sportlich. Ich mag Handball sehr, obwohl das in Australien überhaupt nicht populär ist. Die Kinder spielen Handball eigentlich nur mit einem Tennisball, und dann wundern sich die Leute: Was, das soll ein olympischer Sport sein? Ich selbst bin Lehrer, an unserer Schule hab ich jetzt Handball eingeführt, richtigen Handball. Doch wenn ich ehrlich bin, mein Lieblingssport ist es, am Strand zu liegen und abends zum Tanzen zu gehen.

Während der nächsten zwei Wochen schaue ich mir auch noch Beachvolleyball an, Leichtathletik und die Schlussfeier. Die ist allerdings ziemlich teuer, ich glaube, ich hab weit über 100 Dollar für das Ticket bezahlt. Aber was soll's, Olympia hat man nur einmal im Leben. Eine Menge Leute hier in Sydney waren, ganz anders als ich, anfangs nur halbherzig bei der Sache. Aber dann kam die Fackel mit dem Olympischen Feuer hier an, und spätestens da waren alle entzündet. Vielleicht sind auch die Medien ein bisschen mit schuld gewesen an der mangelnden Begeisterung. Die greifen ja eh immer nur das Negative auf. Also haben sie berichtet, alle Leute würden vor den Spielen aus Sydney fliehen. Aber als es jetzt losging, waren doch unglaublich viele Zuschauer da, beim Fackellauf in der City, aber auch am Circular Quay, wo auf einer Leinwand die Eröffnungsfeier übertragen wurde.

Oder nimm den Streit um das Beachvolleyball-Stadion an der Bondi Beach. Ich lebe da in der Nähe und weiß, was los war. Gerade mal 100 Leute waren dagegen, und nur ein paar davon leben überhaupt in Bondi. Trotzdem haben die Zeitungen groß darüber berichtet. Jetzt ist alles anders, die Stimmung ist super, das Publikum jubelt. Sollen die Leute doch froh sein, dass wir so eine Werbung für unser Viertel bekommen. Natürlich ist es nicht schlecht, dass Australien so erfolgreich war an den ersten Tagen. Aber für mich ist das nicht so wichtig. Als Cathy Freeman das Olympische Feuer angezündet hat - das war so schön und spektakulär, dass wir von mir aus gar nichts mehr gewinnen müssen.

Auch als wir am Circular Quay die Eröffnungsfeier angeschaut haben, war da unglaublich was los. All die Leute verschiedener Herkunft haben ihre Mannschaft angefeuert, die libanesischstämmigen Australier den Libanon, die türkischstämmigen die Türkei. Und als die australische Mannschaft einmarschierte, haben wir alle gemeinsam gejubelt. Darum geht es doch im Multikulturalismus, finde ich. Viele Länder jammern immer: Oh, je, wir werden überrannt, wir werden überrannt! Die haben Angst vor dem Fremden, weil sie einfach nur ein altes, überkommenes Bild von ihrem Land haben und vom Deutschsein, Französischsein. Vielleicht braucht man das in Europa, aber da bin ich mir nicht so sicher.

Aufgezeichnet Christof Siemes