Wir schreiben das Jahr 1993, die Spiele sind gerade erst nach Sydney vergeben worden und kaum mehr als eine wüste, leere Idee. Doch Ric Birch ist im Geiste schon beim Wasser. Der Mann ist verantwortlich für die Eröffnungsfeier der Spiele, und er wird sie sieben Jahre lang um ein Bild herumkomponieren, das durch seinen Kopf spukt: Ein Sturzbach ergießt sich in ein gewaltiges neues Stadion, und aus den Wassermassen wird ein Feuer gen Himmel fahren.

So passiert es dann auch an jenem 15. September im neuen Olympiastadion, als die Spiele eröffnet werden. Allerdings hat Birchs Vision ein bisschen Verspätung. Das liegt zum einen daran, dass die ganze Feier länger dauert als geplant. In sieben riesigen, lebenden Bildern, durch die mehr als 12 500 Menschen wuseln, wird die Geschichte Australiens erzählt. Auch die beginnt, na klar, im Wasser. Und manchmal hat dies auch seine Tücken.Denn als die 400-Meter-Läuferin Cathy Freeman endlich im Becken am Fuße des Sturzbachs die Olympische Flamme entzündet hat, setzt die Feuchtigkeit einen Schaltkreis schachmatt. Sieben Jahre Vorbereitung, und dann das! Jeder sieht, jeder weiß: Die Schale mit dem Feuer muss den Sturzbach hinauffahren. Aber sie ruckt nur einmal kurz, dann steckt sie fest. Nicht nur Ric Birch und die 110 000 Zuschauer, nein, die ganze Nation zittert um ihr Lebenswerk. Die Einschaltquote ist die höchste in der Geschichte des australischen Fernsehens, 72 Prozent. Ein Computer findet schließlich den Fehler, umgeht ihn irgendwie, das Feuer fährt den Strom hinauf, die Wasserspiele können beginnen.

Was ist das Geheimnis des olympischen Pools?

Ihre zentrale Pumpstation wird das Sydney International Aquatic Centre. Von außen ein seltsam amorpher Bau, dessen Logik sich erst im Inneren erschließt. Über dem zentralen competition pool , 50 mal 25 Meter, wölbt sich eine gewaltige, aber frei schwebende Tonne aus Stahl. Keine Säule, kein Pfeiler versperrt den Blick von der Tribüne, die wie ein riesiges Waschbrett steil in das Gewölbe hineingeschoben ist bis an den Rand des Pools. Angestückt ist dann noch das Einschwimmbecken, sozusagen der Backstage-Bereich der Sportler, wo sie mit Handtüchern, Taschen, Fahnen, Massagepritschen ihre kleinen Länderlager aufgeschlagen haben und sich warm schwimmen für die Rennen.

In der Halle ist es heiß, vor allem in den obersten Reihen, die wie Schwalbennester unter der Decke kleben. Schon morgens um zehn, wenn lediglich ein paar Vorläufe auf dem Programm stehen, ist kaum einer der 17 500 Plätze noch frei und der Lärm bereits gewaltig. Bei den Finalläufen am Abend steigert er sich zu einem Tosen, als breche eine Riesenwelle über dem Gebäude zusammen. Dieses Gebrüll, dieser unbeschreibliche roar, treibt die australische Mannschaft, und nicht nur sie, zu ungeahnten Höchstleistungen.

Warum sind die Sydneysider, die Australier, solche aquamaniacs? Vielleicht, weil die meisten von ihnen am Wasser leben; das wüste Innere ihres Kontinents lässt ihnen keine Wahl. Außerdem hat Wasser ihre schönste Stadt geformt. Was wäre Sydney ohne die zahllosen Buchten von Sydney Harbour? Irgendwo auf dem Lande wäre das berühmte Opernhaus allenfalls ein hübsches architektonisches Ding, allein auf der Landzunge zwischen Sydney Cove und Farm Cove wirkt es wie ein Weltwunder.

Weil sie wissen, dass sie ohne Wasser nichts sind, haben die Australier immer aufs Schwimmen gesetzt. Die Last, diese Tradition fortzuführen, ja, mehr als das: die Existenzberechtigung der Wassernation schwimmend zu beweisen liegt vor allem auf den Schultern von Ian Thorpe. Bravourös gewinnt er die 400 Meter Freistil in neuer Weltrekordzeit, und noch grandioser führt er die 4 x 100 Meter Freistilstaffel seines Landes in einem Anschlagfinale zu einem epochalen Sieg über die bei Olympia ungeschlagenen Amerikaner, ebenfalls in neuer Weltrekordzeit. Und selbst als Thorpe die Goldmedaille und den Weltrekord auf seiner Paradestrecke 200 Meter Freistil an den Niederländer Pieter van den Hoogenbrand verliert, bleiben die Menschen hier ihm und den Spielen treu. Alles andere wäre auch undankbar, schließlich erleben sie eine Schwimmshow ohne Beispiel: Allein an den ersten beiden Tagen werden acht neue Weltbestzeiten aufgestellt. Und die Frage ist, was ist das Geheimnis dieses olympischen Pools?