Hilfreich könnte dabei der ethnologische Blick sein, mit dem man die eigene Gesellschaft betrachtet wie einen fremden Stamm. Auch deshalb, weil manche Frage sonst kaum mehr gestellt wird. Etwa diese: Warum sind unter den gewalttätigen Neonazis praktisch keine Frauen?

Dass sich junge Männer und Jugendliche, die "echte Kerle" werden wollen, zusammenrotten und kämpfen oder Fremde totschlagen, bringt in manchen Kulturen sogar hohes Ansehen. Gewalt ist dort Teil des Initiationsrituals, um erwachsen zu werden. Könnte eine Ursache der rechtsradikalen Jugendgewalt also sein, dass die westliche Kultur zu wenige ihr angemessene, friedliche Rituale für männliche Jugendliche bietet?

Das zu fragen bedeutet weder, Brutalität zu entschuldigen, noch die Leiden der Opfer zu relativieren. Industriegesellschaften ächten Gewalt und betrachten den Austausch mit Fremden als Chance, weil Handel und Ideen als Quellen des Reichtums gelten. Auch manchen fernen Stämmen ist die Ehre von gestern heute peinlich: Dem Geografen Wolfgang Panzer schenkten Ureinwohner Taiwans 1933 eine Kette aus Fingergliedern, weil sie ihnen nicht mehr als Zierde dienen konnte. Doch noch im 19. Jahrhundert waren die Hände der Feinde dort wichtige Trophäen. Und auch in anderen Kulturen ging oder geht Gefahr von den jungen Männern aus.

Die "Krieger" vieler Massai- oder Oromogruppen erringen Achtung mit Viehdiebstahl oder Fehden. Bei den Ayizo, Fon und Gun in Benin lauert die Nachtwächtergesellschaft Zangbeto, als Geheimreligion aufgezogen, nachts Dieben und Ehebrechern auf. Manchmal wird sogar die Erzwingungsgewalt der Gesellschaft an die Jungen delegiert: Als Polizei fungierte zum Beispiel die organisierte Altersklasse der jungen Männer bei den Igbo im kolonialen Nigeria. Sie bestraften Übeltäter mal willkürlich, mal nach ihren eigenen Regeln. Dann und wann bekamen sie auch von den Dorfältesten Hinweise, wen sie überfallen sollten. Das brandenburgische Dolgenbrodt, wo ein paar junge Männer anscheinend im Auftrag von Dorfhonoratioren das Asylbewerberheim anzündeten, erscheint davon nicht so fern.

Indem Stammesgesellschaften Gewalt in bestimmten Bahnen erlauben, bedienen sie eine spezifische Nachfrage: Männer zwischen 15 und 25, besonders kräftig und kreativ, suchen Gemeinschaft, Risiko und Ehre. In der Jugend schafft man Bünde und Organisationen, die besser halten als alles, was nachkommt. Im Risiko suchen junge Leute Selbsterfahrung bis an die Grenzen. Und sie gewinnen Prestige, das sie von den Eltern emanzipiert.

Ein Gewaltkult ist nicht die einzige Möglichkeit, diese Bedürfnisse zu stillen. So kann Ehre bei den ostafrikanischen Hamar auch durch gefährliche Sprünge über mehrere Rinder erworben werden, bei den Nuba durch verletzungsträchtige Ringkämpfe. Die "Krieger" der südostafrikanischen Nyakyusa verlassen das Dorf, um neue Siedlungen zu gründen. Bis heute ziehen die jungen Männer der westafrikanischen Igbo in die Ferne, um "ihr Glück zu machen". Vergleichbar bot die Wanderschaft der europäischen Handwerksgesellen einst Gelegenheit für Abenteuer und Prestigegewinn. Und im übertragenen Sinne suchen auch Studenten mit ihren waghalsigen Unternehmensgründungen Risiken - im Markt: Auf dem schmalen Grat des ökonomisch gerade noch Möglichen balancierend, erkennen sie, was sie können und wer sie sind.

Die jungen Neonazis haben solche Chancen kaum. An Einkommen fehlt es den Tätern zwar nur selten. Doch wer wagt schon Unternehmen zu gründen, wo damit als Erstes das Wort "Pleite" assoziiert wird. Sieger sind immer die anderen; jene, die man im Fernsehen sieht. Die Milieus, aus denen die Gewalttäter stammen, erinnern in manchem an die Blutrachedörfer in den albanischen Bergen. Dort liegen wirtschaftliche Mittel und Macht bei den älteren Männern; eine Prestige-Ordnung, die den Jungen nur eine Möglichkeit lässt, zu Ehre zu kommen: indem sie "etwas Dunkles abwaschen" und "Rache" an "gegnerischen" Familien üben. Die Gewalttat ist die Chance der Chancenlosen.