Was wird aus der Dichtung im Zeitalter der Globalisierung? Im allgemeinen reagiert Literatur nicht auf die Zeitläufte. Sie reagiert auf andere, vorher und gleichzeitig geschriebene Literatur, und selbst wenn man einmal unterstellt, dass die Globalisierung der Märkte auch die Zugänglichkeit fernerer Literaturen steigert, dann hat man damit noch immer keine andere Situation, als es sie schon zur Goethezeit gegeben hat. Jahrtausende wurden übersprungen, indem die antiken Klassiker als Vorbild erneuert wurden; Kulturgrenzen wurden übersprungen, indem indische, iranische, arabischer Autoren adaptiert wurden. Man schämt sich fast daran zu erinnern, dass viel früher schon, im europäischen Mittelalter, die Kenntnis der griechischen Philosophie erst durch die Vermittlung arabischer Gelehrter wieder in Europa heimisch wurde.

Man könnte also sagen: die Literatur war immer schon globalisiert, wenn auch nur nach Maßgabe der Weltkenntnis, die man nun einmal haben konnte. In jüngerer Zeit (aber immer noch vor dem Globalisierungsgerede) haben Dichter wie der Mexikaner Octavio Paz sich weitläufig (und programmatisch) von den Literaturen fremder Kulturkreise anregen lassen und sie zu einem Amalgam mit der eigenen Tradition zu verschmelzen versucht. Man könnte die Dichtung von Paz als "Weltpoesie" bezeichnen; aber was wäre mit damit gemeint? Doch nur die Resultate fruchtbarer Missverständnisse; denn das Medium, in dem er die anderen Literaturen integriert, ist natürlich seine Subjekvität, die unhintergehbar von seiner eigenen, also der europäisch-iberischen Kulturtradition geprägt wird.

Zu dieser Tradition gehört nun aber gerade die Neugierde auf das Fremde. Es ist ein koloniales Muster, dass sich in dieser Aneignung des Fremden vollzieht, und es bleibt ein koloniales Muster, auch wenn es vom Protest gegen Kolonialisierung angetrieben wird oder vom schlechten Gewissen des Kolonisators, der das Fremde, das er bisher unterworfen hat, nun feiern will. Nach diesem Muster ist die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen in Europa oft abgelaufen; der "Edle Wilde", von dem man lernen wollte, nachdem man ihn zuvor geschändet hatte, ist eine Projektion des eigenen schlechten Gewissens, zumindest aber des Unbehagens in der eigenen Kultur. Was könnte die Globalisierung hier Neues bringen? Sie könnte natürlich das koloniale Muster vom europäisch geprägten Westen ausdehnen auf weitere Völker und Kulturen der Welt, die dann ihrerseits ein koloniales Verhältnis gegenüber ihrer eigenen oder fremden Kulturen entwickeln. Manches spricht sogar dafür, dass dies der Fall ist und orientalische Dichter zum Beispiel schon ein westliches Auge auf die eigene Kultur zurückwerfen: selbst das kritische Bedauern über den Untergang des Eigenen kann ein sehr europäisches Bedauern sein. Das muss es natürlich nicht; aber wenn es ein solches Bedauern gibt, dann wäre eine Angleichung an die poetische Übung des Westens schon vollzogen. Es müsste nur noch ein gewisser Selbsthass hinzutreten (der Gedanke des selbstverschuldeten Untergangs oder des Unrechts an anderen), dann wäre das psychologische Set vollendet, aus dem in Europa seit drei Jahrhunderten Literatur produziert wird.

Alles Eigene wird zu einer Metapher des Verlorenen

Manches spricht überhaupt dafür, dass die Globalsierung unserer Tage nur ein Tarnbegriff ist für die sich langsam vollendende Verwestlichung der Welt. Denn die Globalisierung vollzieht sich ja nicht dadurch, dass aus allen Kulturen Elemente zu einer neuen gemeinsamen Weltkultur verschmelzen (aus allen Weltwinkeln auf eine imaginäre Mitte vorrücken), sondern dadurch, dass in allen Ländern nach demselben kapitalistischen Muster Waren produziert und auf einen gemeinsamen Markt geworfen werden, das heißt also der Westen sein Privileg verloren hat oder vielmehr ein höchst zweifelhaftes Privileg allen übrigen Ländern der Welt aufgezwungen hat. Der Westen hat sich selbst die Konkurrenz herangezogen, in der er nun unterzugehen droht.

Die anderen Länder aber haben das Gift geerbt, das nun ihre eigene Kultur langsam zerstören wird. Globalisierung in diesem Sinne würde bedeuten, dass überall in den Literaturen die westlichen Idiosynkrasien und Neurosen über kurz oder lang zu blühen beginnen werden; und in der ägyptischen Literatur, dem ägyptischen Film sehen wir diese Blüte schon recht deutlich. Die Blüte, zu deren Farben Schwermut, Ironie und Selbstverachtung gehören, muss selbstverständlich dem Westen nicht lächeln; aber wenn sie Hass zeigen sollte, wird er in dem Hass erst recht seinen Spiegel erkennen müssen.

So könnten wir uns eine globalisierte Literatur vorstellen: dass der Westen seinen berechtigten Selbsthass als poetischen Antrieb in die ganze Welt exportiert, so wie er auch seine Wirtschafts- und Lebensmuster überallhin exportiert hat. In den Apartments arabischer Großstädte werden akademisch gebildete Mittelstandsfamilien (zwei Kinder, berufstätige Frau) alle Neurosen reproduzieren, aus denen sich die deutsche Literatur nährt. Oder sollte die moderne arabische Literatur aus Zelten nomadisierender Wüstenbewohner das ganz Andere noch immer (wenn sie es je getan hat) poetisch formulieren? Viel eher wird die Wüste eine Metapher werden, in der sich die Melancholie über das verlorene Eigene ausdrückt.