Elmar Giemulla: Wir haben anders als im Birgenair-Fall mehr Anknüpfungspunkte, um ein Gerichtsverfahrens in den USA anzustrengen. Dort werden nicht nur materielle Schäden, sondern auch psychische und moralische Schäden sehr viel großzügiger ersetzt als in Europa. In den einzelnen US-Bundesstaaten gibt es unterschiedlich strenge Regeln, um Ausländer davon auszuschließen, eine Klage einzureichen. Wir prüfen gerade, gegen welchen möglichen Mitverursacher wir in welchem Bundesstaat vorgehen können, Louisiana kommt als günstiger Gerichtsstand in Betracht.

Zeit: Gegen welche beteiligten Firmen wollen Sie denn vorgehen, und wie sind die Chancen?

Giemulla: Neben Air France handelt es sich um die US-Firmen Goodyear, den Reifenhersteller, sowie Continental Airlines, deren DC-10 auf der Pariser Startbahn unmittelbar vor dem Concorde-Start einen Metallstreifen verloren hatte. Unsere neueste Erkenntnis ist, dass Continental stärker als erwartet ins Visier genommen werden muss. Es handelt sich bei dem verlorenen Teil um einen Schutzstreifen im Schubumkehrmechanismus des Triebwerks. Dass dieses angenietete Teil abfallen kann, ist erstaunlich. Dass es sich beim Start löst, wo die Schubumkehr gar nicht aktiv ist, überrascht mich noch mehr. Nach Aussagen der US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB stammt das Teil eindeutig von dem Continental-Flugzeug und ist unzweifelhaft beim Start unmittelbar vor der Concorde abgefallen, nicht bereits bei der Landung. Offenbar handelt es sich hier um ein spezifisches Problem der DC-10, das bereits rund 50-mal aufgetreten ist. Auch Air France muss jetzt Continental Airlines ins Visier nehmen, denn schließlich ist sie nicht nur "Täter", sondern auch Opfer, das sowohl einen erheblichen materiellen wie auch einen Imageschaden erlitten hat. Damit sind unsere Interessen als Opferanwälte jetzt gleich gerichtet mit denen von Air France.

Zeit: Wie hat sich denn Air France bisher gegenüber den Hinterbliebenen verhalten?

Giemulla: Air France hat sich nicht generöser gezeigt, als durch neuere EU-Regelungen vorgeschrieben, sie hat sich genau an die Vorschriften gehalten. Nachdem zunächst einige administrative Hindernisse aufgestellt wurden, gegen die wir uns gewehrt haben, hat sie die Sache relativ unbürokratisch abgewickelt und in hohem Tempo pro Opfer die fälligen 41 000 Mark Vorauszahlungen an die Berechtigten ausgezahlt.

Zeit: Warum sind Sie denn so bestrebt, mit einer Klage ins Ausland zu gehen?

Giemulla: Nach deutschem Recht wird nur für Unterhalts- und Beerdigungsansprüche gezahlt. Da wir es hier mit einer älteren Passagiergruppe zu tun hatten, deren Hinterbliebene nicht mehr unterhaltsberechtigt sind, gehen die materiellen Ansprüche nach deutschem Recht gegen Null, und das wäre es dann gewesen. Deswegen müssen wir zusehen, dass wir uns um eine andere Jurisdiktion als die deutsche bemühen, ideal wäre die amerikanische, aber auch die französische.