Die lange Lesereise von Berlin nach Berlin - mit allen Daten und Orten abgedruckt auf der Rückseite des Buches, auch ein Novum -, sie ist noch voll im Gang, doch wir haben zur Hand nur das Buch zur Tour. Ein Print-Event wohl eher als ein Buch, schick und eilig und auch etwas ramschig runtergedruckt, dafür dank einer gigantischen Auflage auch spottbillig. Die gute Hälfte des Inhalts erweist sich ziemlich rasch als Auftrittstextmix, Wegwerf- und Einwegprosa, ein Sammelsurium aus zündenden und dumpf verpuffenden Gags, so lesbar wie ein halb scharfer Harald-Schmidt-Abend, der sich auch nicht in ein anderes Medium retten lässt, wenn er verrauscht, verblitzt ist.

Doch während man nachzudenken beginnt über den bedenkenswerten Rest, schiebt sich vor den unweigerlich das medial reich verbreitete Bild, das Image des Autors. Ein kurz geschorener Schädel, darunter ein langes, vage weiches, vage auch brutales Gesicht, endend in einem monumentalen Kinn. Einen guten Woyzeck-Darsteller, denkt man, würde dieser junge Mensch abgeben. Andererseits, mit Springerstiefeln, weiß geschnürt, würde man ihm in dunklem Park nicht gern begegnen. Aber er präsentiert sich ja betont adrett und dandyhaft gekleidet, mit Vorliebe in der dunklen Gesinnungsuniform seiner Schreibgenossen, in jene Art von avanciertem Konfirmandenanzug gezwängt, dem man das teure Label erst auf den zweiten Blick ansieht.

Also doch, trotz aller Mühe um Markanz, ein eher diffuses Erscheinungsbild. Und siehe da: Das entspricht genau dem Eindruck, den die Lektüre seiner Texte hinterlässt, der entgleisenden wie der gekonnten. Sie haben, schlicht gesagt, keinen Charakter, führen unermüdlich und auch ermüdend nur ein Talent vor, virtuos oft bis zur Unerträglichkeit, dann nämlich nur noch an sich selbst interessiert, an der hochtourigen, auf serielle Zündung dressierten Gagmaschine.

Wenn aber Stuckrad-Barre - statt selbstvernarrt nur bei sich - ganz bei der Sache ist, dann kann er, ganz Auge, ganz Ohr, ein begnadeter, ein selbstvergessener Reporter sein. Genauer: der Reporter als Chamäleon, vollkommen untergegangen in seinem Gegenstand, und das gerade sprachlich. Denn wie die Leute quatschen, vor allem im Show- und Printbusiness, das hat er raus, das kriegt er hin, in unendlichen Simulationen. So lange, so intensiv redundant, dass schließlich in diesen sound files gar nicht mehr die Leute, ihre Stimmen quatschen, sondern nur noch der Quatsch selbst. Der Text setzt dann nur zufällig noch einen Anfang und ein Ende, er ist tendenziell unendlich, eine Endlosschleife, ein Delirium der immer weiter heckenden Klischees.

Das scheint für ältere Ohren, also für mich auch, eine fast vertraute Melodie. Denn in den linken Literaturmilieus der sechziger, siebziger Jahre hieß so etwas: dokumentarische Literatur. Gemeint war damit eine Aufzeichnung, eine Inventur nur noch der Redeweisen, subjektlos, unabhängig vom Autor wie von den Figuren, damals zeitgerecht projektiert als destruktive Affirmation, ohnmächtiger Protest gegen eine auch sprachlich entfremdete Welt. Rein technisch gesehen, produziert der Stimmenimitator Stuckrad-Barre das genau Gleiche. Die älteren Meister nebenan, Rainald Goetz etwa oder auch Thomas Meinecke, die auch wie Discjockeys ihre Sprachplatten auflegen, die lassen noch etwas spüren von den alten Illusionen eines kritischen Mimikry, die demonstrieren Wut im Spaß an der Reproduktion, auch durch eine karikaturistische Überschärfe des Zugriffs. Lässt sich so etwas auch in diesem neuesten Stimmengewirr entdecken?

Die Frage führt zurück zum Anfang: Wo, wenn überhaupt irgendwo, sollte der Autor Stuckrad-Barre sich verstecken in seinen Text-Puzzles? Doch nicht etwa in dem leider längsten, sich über 100 Seiten hin ödenden Spaß über das Mediengerücht, er habe etwas gehabt oder noch mit einer gewissen Anke Engelke? Hier, wo er scheinbar auftaucht, ist er am unsichtbarsten, zum Talkshow-Blödmann reduziert, das Opfer der eigenen leer laufenden Witzmaschine.

Nein, wir müssen ihn wohl wie jeden Erzähler dort suchen, wo er, statt nur Redeweisen oder sich selbst als Gagzielscheibe, fremde Figuren auftreten lässt. Was er selten versucht, aber zwei-, dreimal dann doch. Da ist etwa dieser so genannte "junge Mann", der seine Geliebte auf Zeit verloren hat (ein Allerweltsfall), aber von ihr als Abfindung (der Gag) 25 000 Mark ausbezahlt bekommt. Die reist er nun rund um die Welt ab, und dabei erlebt er leider nichts Besonderes, sondern das genau Typische, auf Flughäfen, an Stränden, in Kneipen oder beim Kotzen aus infiziertem Magen. Alles mäßig traurig, mäßig amüsant, aber allzeit typisch.