In der Presse und im Rundfunk deutscher Sprache erscheinen Tag für Tag über 40 Rezensionen - weit mehr als 10 000 im Jahr. Allein die großen Blätter wie FAZ, Süddeutsche Zeitung oder ZEIT besprechen jährlich mehr als 1000 Bücher. Gibt es angesichts der rezensorischen Überfülle noch Raum, gar Bedarf für ein eigenes Bücherjournal? Ja: Sofern es die oft erstickende Routine dieser Massenproduktion an kritischen Stellungnahmen verlässt - durch Gründlichkeit, durch Subjektivität, durch Vielfalt der Genres und durch eine größere Amplitude in den Umfängen, den Tonlagen, der kritischen Methodik.

All dies ist erkennbar angelegt in dem von Sigrid Löffler herausgegebenen Journal Literaturen. Dass man es schon im ersten Heft sieht, ist eine beachtliche Leistung, denn das heißt: Das Gefäß ist da, auch wenn der Inhalt ihm noch nicht in allen Punkten entspricht. Das als Magazin aufgemachte Journal ist durchweg schwarzweiß gedruckt und erfreulich textlastig. Es gibt zwei Schwerpunkte - Polen und der Osten -, ein Porträt (Michael Ondaatje), eine Reportage (Daniel Pennac und sein Umfeld), einen Essay, Gedichte von Durs Grünbein, mehrere Kolumnen (Kinderbücher, Krimimalliteratur, je ein freies Stück von Michael Maar und Boris Groys), eine Kurzgeschichte von Nicholson Baker, Taschenbuchtipps, Web-Hinweise, Briefe aus New York und Mailand. Dazu, als Kerngeschäft, natürlich Rezensionen: sechs Bücher des Monats sowie über 20 Titel im regulären Besprechungsteil. All das spielt sich ab auf 150 Seiten, die Bilder, sehr charmante Vignetten von Nikolaus Heidelbach und einen Rezensionscomic von Hans Traxler (über das Papst-Buch von Jan Ross) inbegriffen, nicht zu vergessen die Anzeigen. Das ist viel Holz für 12 Mark und selbst für einen Monat reichlich Lesestoff (und sehr viel Arbeit für eine dreiköpfige Redaktion). Das Gift kommt am Ende in der Rubrik Nicht ignoriert, zehn Titel zum Wegwerfen, darunter sechs von Frauen, was sich vielleicht nur ein weiblicher Chefredakteur erlauben kann.

Noch überwiegt der Eindruck von Gründlichkeit die Anmutung von Esprit. Die Wahl der Schwerpunkte folgt den staatstragenden Anlässen, Polen ist auch Messeschwerpunkt in Frankfurt, mit dem Osten schlagen wir uns seit der Wiedervereinigung vor zehn Jahren innerdeutsch herum - der passionierte Leser flüchtet gern vor solchen Pflichtthemen, er setzt sich lieber mit Nicholson Baker auf eine amerikanische Müllkippe, mag sich allerdings auch einen noch so empfehlenswerten Schriftsteller wie Pennac nicht als "Kultautor" aufreden lassen. Aufgeschwatzt wurde ihm in diesem Herbst vor allem Michael Kumpfmüllers Roman Hampels Fluchten. Ihn bespricht Hans-Ulrich Treichel respektvoll, aber ein wenig blass im Ost-Schwerpunkt. Gerade hier hätte man eine entschiedenere Stellungnahme gern gelesen, zumal nach Andrea Köhlers brillantem Verriss in der Neuen Zürcher Zeitung am Wochenende ("nervtötend").

Die Literaturen wollen und können sich als Monatsschrift Zeit lassen, und sie sollten diesen ruhigeren Rhythmus sogar als strategischen Vorteil im Literaturkampf nutzen: Mögen die anderen sich mit Schnellschüssen blamieren, die Literaturen haben den witzigeren und ungläubigeren Standpunkt. Dann darf man allerdings auch den jeweiligen Hype der Saison nicht einfach im Tagesgeschäft verarzten.

Der Anfang ist viel versprechend: Mit Autoren wie Jan Philipp Reemtsma, Baker, Maar, Franz Schuh, Sibylle Wirsing, Manfred Schneider, Sebastian Kleinschmidt - um nur eine Auswahl zu nennen - zielt man sehr hoch. Von der nächsten Nummer an ersuchen wir um etwas mehr Risikofreude.