Schröder fest im Sattel, CDU am Boden, Reformstau aufgelöst - das sah nach zwei langweiligen Jahren bis zur Bundestagswahl aus. Doch nun fangen sie turbulent an, mit dem Volkszorn über den Benzinpreis. Mehr als ein paar Sozialreparaturen wird sich die Koalition im Ökosteuerstreit nicht abzwingen lassen - für die Grünen geht es um ihre umweltschützerische Restidentität, für den Kanzler darum, wer das Sagen hat, er oder "die Straße" und die Union mit ihrer Kampagnenstrategie.

Dabei tut sich jetzt der Blick in eine Tiefenschicht auf, in eine Magmazone, wo unkontrollierbare Gefühle und ungelöste Zukunftsprobleme brodeln. Insofern darf man, wie 1973, von einem Ölschock sprechen.

Wie war das damals? Der Club of Rome hatte den Bericht über Grenzen des Wachstums vorgelegt. Fette Jahre gingen zu Ende, die Reformlaune der Sechziger auch. "Krisenmanagement" wurde zur Aufgabe, "Unregierbarkeit" zum Angstszenario. Die autofreien Sonntage, die Willy Brandt im Spätherbst 1973 anordnete, waren prophetisch: Ein Land steht still. Immerhin, die soziale Disziplin ließ angesichts der Herausforderung durch die Opec nicht nach; Staatsrhetorik und Leitartikelsprache nahmen einen leicht metallenen Klang an.

Freilich waren es damals die Scheichs allein, nicht auch die westlichen Länder mit ihren Steuertarifen, die den Preisschub zu verantworten hatten. Der Druck kam von außen, das schweißte im Innern zusammen. Heute dagegen kompliziert die Vielzahl von Schuldigen die politische Psychologie, vom Exportkartell über die nationalen Regierungen bis zum schwachen Euro(pa) - wobei die Einzelstaaten die einzig greifbaren Instanzen sind und daher allen Unmut auf sich ziehen.

Auf den ersten Blick wirkt es anachronistisch, dass der Ölpreis noch einmal zum Unruheherd wird. Die Energieversorgung ist stärker diversifiziert als seinerzeit, das Brennstoffsparen hat Fortschritte gemacht. Heutige Wachstumsbranchen - Dienstleistungen und Hochtechnologie - sind genügsam im Verbrauch. Nicht mehr der rauchende Schornstein ist Wahrzeichen des Aufschwungs, sondern der leuchtende Bildschirm.

Die Ökonomen mögen daher Recht haben, wenn sie die Verwundbarkeit der Konjunktur für begrenzt halten. Aber eine verstörende Erinnerung an das krude materielle Element im Wirtschaften ist die Wiederkehr des Öltraumas doch. Die Industriegesellschaft wird eben nicht auf einen Schlag von der Wissensgesellschaft abgelöst, in der angeblich nur noch Erfindergeist und Risikokapital zählen: Das Leben kreist nach wie vor nicht weniger um das Auto als um den Computer. Die Fernreise, im Internet gebucht, wird per Flugzeug unternommen - mit Kerosinbedarf und Schadstoffausstoß.

Das Wachstumszentrum mag sich verlagern, weg von der erdenschweren Güterproduktion, hin zu luftigem Ideen-Business. Doch der moderne Alltag ist so ressourcenabhängig und umweltbelastend wie eh und je.