Zurück nach Belgrad: Einhellig gehen EU-Beobachter, Politiker und Journalisten davon aus, dass der Oppositionskandidat Vojislav Kostunica die Wahl gewonnen hat - und trotzdem dreht sich in den Kommentaren alles um die Frage, wie Slobodan Milosevic seine Macht erhalten wird. Für die SZ kommt jeder Jubel zu früh, denn: "Es ist gleichsam das Prinzip von Milosevics Herrschaft, dass er nie gewinnt und trotzdem nicht verliert." Und paradoxerweise könnte gerade seine Niederlage "noch gefährlicher sein als ein wie auch immer konstruierter Sieg". Die schon bewährte Suche nach einem geeigneten Ablenkungsmanöver könne ihn dem "Handelsblatt" zufolge schon bald auf seinen "letzten Trumpf" zurückgreifen lassen: "Gewalt. Entweder gegen die Demonstranten, oder aber gegen die abtrünnige Teilrepublik Montenegro." Trotzdem sehen beide Zeitungen Milosevics Macht schwinden, nicht sofort, aber auf lange Sicht. Die SZ spricht von einem weiteren Kapitel in der "Chronik eines unaufhaltsamen Niedergangs", das "Handelsblatt" gar von einer "Zeitenwende". Pessimistischer klingt da schon die "Frankfurter Rundschau". Sie sieht im Wahlergebnis eher ein "Votum gegen eine Person als eine Willensbekundung zum Systemwechsel". Erinnert wird daran, dass auch Kostunica ein Nationalist sei, "auch er kann den populistischen Grundstimmungen (...) nicht entgehen". Auch die "Welt" mahnt: "Wie Milosevic ist die Opposition nationalistisch gesinnt und nach westlichem Maßstab allenfalls halbdemokratisch." Die taz bezeichnet die von Milosevic ausgerufenen Wahlen gar als einen "meisterhaften Befreiungsschlag". Sie hätten nämlich einen Polarisierungsprozess in der serbischen Gesellschaft bewirkt, "das gespaltene Belgrader Establishment scharte sich wieder um seinen Führer", und auf der anderen Seite "hat Serbiens Opposition mit der Aufstellung eigener Kandidaten ihr Bündnis mit der montenegrinischen Führung zerbrochen", die nun "als einziger echter Gegner des Belgrader Potentaten auf dem Feld" zurückbleibe.

Ähnlich ambivalent wie auf dem Balkan geht es derzeit auf dem Ölmarkt zu. Die Absenkung der Barrelpreise von 35 auf 30 Dollar und die Erwartung des Shell-Konzerns, "dass die Benzinpreise innerhalb der kommenden zehn bis 14 Tage sinken werden", entlockt dem "Tagesspiegel" keine Jubelgesänge: "Der Preisrutsch spiegelt nicht den Ölbedarf wider, er zeigt nur: Die Märkte sind nervös." Bill Clintons Ankündigung, täglich eine Million Tonnen Rohöl mehr in den Weltmarkt zu leiten, hätte die Ölhändler überrascht, "von einer Trendwende spricht deswegen noch niemand". Also: abwarten und Tee trinken, sonst ergeht es einem wie deutschen Politikern, "die besonders fix sein wollen und in Windeseile von der Realität überholt werden". Das "Handelsblatt" mokiert sich über die Regierung, die morgen "soziale Ausgleichsmaßnahmen für die hohen Benzin- und Heizölpreise beschließen wird, während die Rohölnotierungen wieder auf Talfahrt gehen". Die Moral von der Geschicht': "Wenn die Sozialpolitiker die jeweiligen Bewegungen des Marktes durch neue Wohltaten ausgleichen wollen, hecheln sie nur noch mit hängender Zunge hinter der Entwicklung her."

Womit wir bei der Leichtathletik wären. Die australische 400-Meter-Läuferin Cathy Freeman hat den enormen Erwartungen standgehalten und ihre Konkurrentinnen im Finale hinter sich gelassen. Die Ehrenrunde lief sie mit der australischen Nationalflagge um die eine und der Fahne der Aborigines um die andere Schulter geschlungen. Nun ist sie endgültig zum "Vorbild für die Aussöhnung aller Australier", zum "gesamtaustralischen Symbol" (FAZ) geworden. Man könnte auch sagen: zum Schumi down under. Man darf gespannt sein, welches "Sieg-Geheimnis" Cathy Freeman demnächst offenbaren wird. Eine Hasenpfote? Knoblauchpastillen, oder gar Hypnose? "Bild" wird berichten.

ausgewertet: FAZ, FR, SZ, Welt, Bild, Tagesspiegel, taz, Handelsblatt

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