Am Vormittag macht sich der Chef breit. Denn dann hält er in seinem Krankenhaus Privatsprechstunde und benötigt das Ultraschallgerät. Die Assistenzärzte müssen sich mit den kurzen Pausen zwischendurch begnügen und verlassen mit ihren Patienten den Raum, wenn der Chef seine "Privaten" untersucht.

Eine Ausnahme? Nein, Alltag in deutschen Krankenhäusern, wo Chefärzte zusätzlich zu ihrem Gehalt noch Geld für die Behandlung von Privatpatienten kassieren, auch für die ambulanten. Diese Privatliquidation "geht manchmal so weit, dass der Chef so viel verdient wie die ganze Abteilung zusammen", sagt Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer. Zweistellige Millionenbeträge sind keine Rarität bei Chefärzten, die mit älteren Verträgen ausgestattet sind. Den Chefs der jüngeren Generation bleibt bei den Privatpatienten nicht ganz so viel übrig, "von 1000 Mark nur 100", meint Jonitz. Einen Großteil ihrer Einnahmen müssen die Ärzte nämlich an die Klinik abführen, für die Nutzung der teuren Infrastruktur.

Dass Chefärzte angemessen verdienen sollen, bestreitet niemand. Doch die Privatliquidation provoziert seit Jahrzehnten immer wieder heftige Kritik: Sie führe zu Ungerechtigkeit, schaffe eine Zweiklassenmedizin und fördere überflüssige Untersuchungen. Deshalb werden immer wieder Änderungsvorschläge diskutiert, insbesondere ein höheres Pauschalgehalt. Damit würden die Chefärzte immer noch üppig verdienen, aber die Einnahmen aus der Behandlung von Privatpatienten kämen ausschließlich dem Krankenhaus zugute.

Einige leitende Ärzte überführen zwar ihre Privateinnahmen in einen Pool, aus dem dann Geld für die Mitarbeiter fließt. Doch solche Teambeteiligungen hängen allein vom guten Willen des Chefs ab - vorgeschrieben sind sie an den meisten Kliniken nicht. "Das jetzige System beutet die Arbeitskraft der nachgeordneten Ärzte aus", sagt Frank-Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bunds, der Gewerkschaft der angestellten Ärzte. Jonitz spricht von "Knechten" der leitenden Ärzte.

Einige Chefs übersehen auch großzügig, dass manche Leistungen nur dann abgerechnet werden dürfen, wenn sie von ihnen selbst oder von ihrem persönlichen Vertreter erbracht wurden. Letzterer muss Facharzt desselben Gebiets sein - davon ist der Assi oft noch Jahre entfernt. So kostet etwa die Routine der Blutabnahme auf manchen Stationen viel Zeit, allerdings nicht die des Chefs. Der weiß oft gar nicht mehr, wie man Patienten möglichst schonend zur Ader lässt. Die Arbeit übernehmen junge Kollegen. Bisweilen muss sogar ein unerfahrener Arzt im Praktikum (AiP) die Privatpatienten einer Station nahezu allein versorgen. Der Chef schneit nur zwei- bis dreimal in der Woche herein, um nach dem Rechten zu sehen. Dennoch kassiert er voll ab.

Auf den Rechnungen an die privaten Krankenkassen steht dabei oft Überflüssiges. Die Privatliquidation fördert geradezu emsige Arbeit am Patienten. Jede zusätzliche Untersuchung und Behandlung lässt die Kasse klingeln. Da wird einfach mal routinemäßig die Schilddrüse einer 90-jährigen Schlaganfallpatientin mit Ultraschall untersucht - Diagnostik ohne Relevanz. Bei Privatpatienten wird oft das Mögliche und nicht das Nötige getan, selbst wenn es den Patienten belastet. Eifriges Röntgen mehrt das Vermögen des Chefs. "Der gute Arzt, der nur das Nötige macht, wird bestraft, der schlechte belohnt", kommentiert Jonitz solch umsatzfördernden Missbrauch. Manche Kenner der Szene versichern sich deswegen bewusst nicht privat, auch auf die Gefahr hin, als gesetzlich Versicherter zweitklassig behandelt zu werden.

Übereifrige Chefs beeinträchtigen auch den Ablauf im Krankenhaus. "Da liegt die Problematik der Privatliquidation: Die gesamte Infrastruktur des Krankenhauses steht dem Chefarzt zur Verfügung", sagt Jacob Bijkerk, Regionaldirektor der norddeutschen Sana-Kliniken und Dozent für Krankenhausmanagement an der Medizinischen Hochschule Hannover. Das könne zu Interessenskonflikten zwischen Chefärzten und Klinikmanagement führen. Die Behandlung ambulanter Patienten sei zum Beispiel nicht immer kostendeckend für die Klinik.