Die ersten Radiosendungen nach Kriegende entstanden noch unter Aufsicht der Siegermächte. Die politische und kulturelle Erziehung zu liberaler Demokratie, zu Toleranz und Kompromiss war das Ziel, der öffentlich-rechtliche Rundfunk eines der Mittel. Nicht nur in historischer Perspektive, sondern auch aus heutiger Sicht bin ich froh, dass die Westmächte der ARD den viel diskutierten "Bildungsauftrag" mitgegeben haben: Den Auftrag, die Pluralität von Informationen und Meinungen zu garantieren, weil nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger überzeugte Demokraten und mündige Staatsbürger sein können. Den Auftrag, die Lebenswirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität zu vermitteln und demokratische Grundwerte zu fördern und schließlich den Auftrag, den Austausch der Meinungen zu befördern mit dem Ziel, Kompromiss und Konsens als Wesensmerkmale der Demokratie sichtbar und einsichtig zu machen.

Kompetenz, Seriosität und Glaubwürdigkeit sind bis heute ein Markenzeichen der ARD, vor allem ihrer Nachrichtensendungen und Politmagazine. Den berechtigten Stolz aber trübt, seit einigen Jahren eine Art Rechtfertigungsnot der Öffentlich-rechtlichen. Seit die privaten Hörfunk- und Fernsehprogramme die deutsche Medienlandschaft umgekrempelt haben, muss sich die ARD immer häufiger als biedere und antiquierte "Volkshochschule der Nation" verspotten lassen. Passt der vor fünfzig Jahren begründete Anspruch des Ersten nicht mehr in die moderne Fernsehlandschaft?

In früheren Jahren war die Fernseh-Nation auf die wenigen öffentlich-rechtlichen Programme angewiesen. Heute senden bei uns rund vierzig Programme rund um die Uhr. Allein die ARD strahlt neun Fernsehprogramme, 54 Hörfunkprogramme und - zusammen mit Partnern - Arte, Phoenix, 3sat und Kinderkanal aus. Spartenprogramme, Bezahl-Fernsehen und das digitale Fernsehen werden das Medium noch unübersichtlicher machen. Trotzdem hat sich gezeigt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk, zumal die ARD, in der Zuschauergunst ganz gut mithalten kann. Gerade wo es um Information geht, sind und bleiben die öffentlich-rechtlichen uneinholbar. Den Privatsendern ist es nur kurzfristig gelungen, die Marktführerschaft zu erobern. Dennoch fehlen auf keinem Medienkongress Diskussionsforen über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie entzünden sich an der Frage der Gebühren. Aber fragen sich wirklich so viele Zuschauer - wie behauptet wird -, warum sie für drei Programme teuer bezahlen sollen, wenn sie 33 kostenlos bekommen? Und was heißt kostenlos?

Inzwischen höre ich immer häufiger, die Werbung werde als störend empfunden. Damit kann man sogar werben: Nicht von ungefähr argumentieren die Veranstalter von Bezahl-Fernsehen damit, bei ihnen blieben den Zuschauern die Werbe-Zumutungen erspart. Die Programme von ARD und ZDF kosten Gebühren, die übrigen Programme kosten manchen Zuschauer gelegentlich allerhand Nervenkraft. Es kostet wohl auch den Verlust an Niveau. Da der Gedanke "Wer zahlt, der mahlt" immer noch gilt, hört man, dass die Buchungen der werbungtreibenden Wirtschaft mehr und mehr darüber mit entscheiden könnten, ob eine Produktion gesendet, ob eine Idee realisiert wird.

Ich will keine falsche Schwarz-Weiß-Malerei zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern betreiben, ich bekenne mich zum dualen System, aber ich will einen markanten Unterschied hervorheben: dass nämlich die Privatsender sich für unzuständig halten für das, was das Bundesverfassungsgericht "Grundversorgung" nennt. Ohne übertriebene Verkürzung heißt das: Für Demokratie, für Aufklärung, für Information, für Meinungsvielfalt, für die Abbildung des wirklichen sozialen Lebens sind die öffentlich-rechtlichen Programme zuständig, alle übrigen widmen sich weitgehend der Unterhaltung, der Sensation - gelegentlich sehr erfolgreich. Mit der Folge, dass Pluralität in ein- und demselben Programm, wenn überhaupt, dann nur vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen wirklich verlangt wird.

Und da bin ich bei der zweiten weit verbreiteten Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dem angeblichen Postenschacher und dem Parteieneinfluss in den Gremien. Aber ist es nicht der Grundgedanke der Unabhängigkeit, dass Kontrolle statt nur von einer Institution oder Person oder Firma von allen ausgeübt werden muss? Deswegen auch kann ich den Einfluss der Parteien auf die Rundfunkräte im Prinzip nicht anrüchig finden. Es versteht sich: Auswüchse müssen energisch beschnitten werden und allen Versuchen und Versuchungen, die Programmfreiheit zu beschränken, muss widerstanden werden. Aber wer wenn nicht die Parteien und die zuständigen Länderparlamente können eine Legitimation durch die Wählerinnen und Wähler vorweisen, um die Gesellschaft zu repräsentieren? Der berüchtigte Parteienproporz ist im Grunde nichts anderes als ein Spiegelbild von Mehrheitsverhältnissen und damit des Wählerwillens. Und er wird ergänzt durch die relevanten gesellschaftlichen Gruppen und die Kirchen, die ihre spezifische Sicht, ihre Interessen, ihre Moral, ihre jeweiligen Anschauungen geltend machen. Das garantiert den Pluralismus der öffentlich-rechtlichen Programme.

Die Diskussion um die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird gewiss nicht so bald zu Ende sein - zumindest hoffe ich das. Denn so lange es diese Diskussion gibt, funktioniert die öffentliche Kontrolle der Kontrolleure in den Fernsehräten. Wir sollten deswegen auf die Stärken dieses Systems setzen und dem Sog widerstehen, das Fernsehen dem Markt zu überlassen. Denn das Fernsehen, der Rundfunk - das ist ein besonderes Medium: Sein Einfluss ist immens, und er wird eher noch weiter steigen, darum setzen Sie auf Qualität! Trauen Sie dem Zuschauer etwas zu und strafen Sie ihn nicht mit der Verachtung der fortgesetzten Unterschreitung noch des niedrigsten Niveaus.