Ein beklemmender Extremfall gewiss - aber in welche beklemmende Normalität führt er! Weil die Ärzte unbedingt zur Operation schreiten wollen, kommt der Fall vor Gericht - bis vor das höchste Zivilgericht in London. Gewiss, unseres rechtsstaatliche Konfliktentscheidung hat ein hohes Maß an Rationalität und Gerechtigkeit hervorgebracht. Aber ist es nicht absurd, solche Fälle, die sich jeder Rationalität und ausgleichenden Gerechtigkeit ihrer Natur nach entziehen, vor Gericht zu zerren? Wie absurd jenes ärztliche Kalkül sich ausnimmt: Weil ohne Operation beide Babys "mit 80-prozentiger Sicherheit" sterben müssten, soll eines von ihnen mit 100-prozentiger Sicherheit getötet werden. So sehen sie oft aus - unsere vernünftigen Kalkulationen. Was heißt denn unter diesen Umständen leben - und Weiterleben? Nehmen wir an, das eine Mädchen überlebt dank des Todes ihrer Zwillingsschwester: Wie wird sie mit diesem Wissen leben können? Und wie wäre es -in der konkreten Situation ein äußerst hypothetischer, aber keinesfalls undenkbarer Fall! - , wenn über den Ausgang erst entschieden werden müsste zu einem Zeitpunkt, zu dem die beiden Zwillinge über ihre Lage und die angestellten Überlegungen einigermaßen im Bilde sein könnten? Wenn sie also den Gesprächen zuhören könnten?

Müssen die Ärzte alles machen, was sie können? Müssen die Richter alles entscheiden, was ihnen irgendjemand vorlegt? Können die Eltern sich an die Stelle ihrer Kinder setzen? Aber wer denn sonst? Solche Fälle und Fragen zeigen uns, wie nahe wir selber im Alltag und in der Normalität an den Grenzen unserer Existenz leben - obwohl wir doch glauben, mitten im Leben zu stehen, im normalen Leben.

Als PS ein korrigierender Nachtrag: Es heißt zwar im römischen Recht "Doppelt gibt, wer früh gibt". Aber von diesem Rechts-Satz ( bis dat qui cito dat) gibt es leider auch Ausnahmen. Die Leser dieser Kolumne werden am vorigen Freitag bemerkt haben, dass das dänische Referendum über den Beitritt des Landes zum Euro vom Autor irrtümlich vom kommenden Donnerstag auf den gestrigen Sonntag "vorverlegt" worden war. Wer dem zerknirschten Autor Nachsicht gewähren möchte, kann sich jenen voreiligen Kommentar ja für Donnerstag auf Wiedervorlage legen.