Was soll man bloß von den Präsidentenwahlen in Serbien am kommenden Sonntag halten? Ist es die letzte Chance der Serben, Slobodan Milosevic loszuwerden, oder nichts weiter als ein scheindemokratischer Vorgang, der die Macht des Despoten um weitere, endlose Jahre verlängern wird?

Es ist beides zugleich. Milosevic hat schon mehrmals bewiesen, wie leicht er Wahlen manipulieren kann; seine Möglichkeiten reichen von Fälschung der Wählerlisten bis zur totalen Kontrolle der Wahlbüros durch die Funktionäre seiner Partei. Kurz gesagt: Er kann den Ausgang der Wahlen so weit bestimmen, dass man eigentlich nicht mehr von Wahl sprechen kann. Und es besteht kein Zweifel daran, dass er im Amt bleiben will.

Unbestreitbar ist allerdings auch, dass eine Mehrheit der Bevölkerung Milosevic abwählen möchte. Unabhängige Meinungsforscher bescheinigen dem Oppositionskandidaten, Vojislav Kostunica, einen uneinholbaren Vorsprung. Bei fairen Wahlen wäre ihm der Sieg sicher. Der moderate, persönlich integre Nationalist Kostunica wird von vielen Serben als Chance wahrgenommen - weniger, um einen Machtwechsel herbeizuführen, denn kaum ein Serbe glaubt, Milosevic ließe sich durch die Urne besiegen, sondern vielmehr als Möglichkeit, die Distanz aufzuzeigen, die sie von ihrem Herrscher trennt. Kostunica ist die Symbolfigur für den Wunsch, aus der fatalen Spirale der Gewalt auszubrechen, in welcher die Serben seit mehr als zehn Jahren gefangen sind.

Am Sonntag also wird sich zeigen, wie groß der Abgrund zwischen dem Herrscher und seinem Volk ist. Wenn auch das Ergebnis der Wahlen bereits feststeht, ein Scheideweg für Serbien sind sie allemal. Nach dem 24. September wird in Serbien nichts mehr so sein wie vorher: Für die Opposition ist es die letzte Chance, für Milosevic ein Spiel um alles oder nichts. Wie könnte es aussehen?

Szenario 1 - Aufstand der Bevölkerung: In der Wahlnacht verkündet Milosevic seinen Sieg. Die Opposition spricht von Wahlbetrug und geht zu Tausenden auf die Straße. Das Regime unterdrückt die Demonstrationen mit Gewalt und provoziert Gegengewalt. Serbien versinkt im Chaos.

Es gibt gute Gründe für ein solch düsteres Szenario. Weite Teile der Bevölkerung sehen mit Milosevic keine Zukunft mehr. Er hat vier Kriege geführt, sie alle vier verloren und Serbien in die absolute Isolation geführt. Die Bevölkerung weiß nun endgültig, dass er mit demokratischen Mitteln nicht zu besiegen ist. Gewalt erscheint als einzig möglicher Ausweg. Gleichzeitig kämpften Milosevic und seine engsten Vertrauten mit dem Rücken zur Wand. Verlieren sie die Macht, verlieren sie alles. Daher die Härte der Reaktion. Schon seit einigen Monaten sprechen viele serbische Oppositionelle von der "rumänischen Lösung" als der einzig möglichen - Rebellion, die mit dem Tod des Despoten endet.

Milosevic steht im Zentrum der serbischen Gesellschaft