Frage: Wichtige Punkte der Tagesordnung auf der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Prag sind der weitere Ausbau der internationalen Finanzarchitektur , die Reform von IWF und Weltbank, sowie eine bessere Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen diesen beiden Institutionen. Was muß geschehen, damit Währungs- und Finanzkrisen, wie die letzte Asien-Krise, künftig verhindert werden?

Koch-Weser: Ich glaube, dass das System heute weniger verletzlich ist, als es noch vor drei Jahren war. Viel muß aber noch geschehen, um Risiken zu minimieren. Wir haben heute ein besseres Verständnis der Zusammenhänge von Wechselkursregimen und Kapitalmarktströmen. Wir haben bessere Informationen, was die private Verschuldung im Ausland von Unternehmen angeht, alles Dinge, die wir in der Ostasien-Krise, im Falle Thailands und Indonesiens nicht hatten. Die Transparenz und damit auch das Einhalten bestimmter Vereinbarungen und Standards ist besser geworden, aber noch nicht ausreichend. Gibt es deshalb keine Krisen mehr? Sicher wird es wieder Krisen geben. Der Währungsfond ist auf dem richtigen Wege, wenn er in der Krisenprävention den Hauptschwerpunkt sieht und auf diesem Gebiet arbeitet - nicht nur, was die technische Zusammenarbeit betrifft, sondern auch bei neuen Kreditlinien, um im Falle von Krisen einzuspringen. Die privaten Märkte sind risikobewusster geworden. Die Analysen des Wärungsfonds fließen in die Risikobetrachtung einzelner Länder inzwischen aber sehr viel systematischer ein. Ich möchte allerdings kein zu positives Bild hier zeichnen. Wir stehen bei der Umsetzung am Anfang. Doch der Währungsfond ist, wenn er die Krisenprävention betont, auf dem richtigen Weg. Und die Weltbank arbeitet ja eng mit dem Währungsfond zusammen, vor allem auf dem Gebiet der Stabilität des Finanzsektors.

Wir durchleben ja gerade eine Währungskrise. Der Euro steht nicht sehr gut da, die Zeitungen sind voll davon, dass wir im Moment Gefahr laufen, eine neue Währungskrise zu erleben.

Das beruht auf Missverständnissen. Der Euro ist stabil. Schauen Sie sich unsere Inflationsraten an und die Zinssätze. Schauen Sie sich die wirtschaftlichen Fundamentaldaten in der Euro-Zone an; sie sind glänzend. Gerade jetzt hat der IWF den Europäern wieder einmal bestätigt, dass sie im nächsten Jahr mit einem Wachstum von 3,4 Prozent rechnen können. Ich würde das Wort Krise deshalb hier nicht verwenden. Schauen Sie sich die Wechselkursschwankungen in den 80er Jahren an. Ich nehme mal den Dollar. Bis 1985 schwankte der Dollar zwischen 1,38 Mark und 3,45 Mark. Die Amerikaner sprachen damals nicht von einer Dollar-Krise.

Dass der innere Wert des Euro stabil ist, daran kann es sicherlich gar keinen Zweifel geben. Die Gründe haben Sie eben genannt. Aber wenn Sie den Außenwert nehmen, dann haben wir doch seit Einführung des Euro, seit der dritten Stufe der Währungsunion, einen ständigen Abwertungsprozess.

Ein starker Euro ist im Interesse aller im Euro-Raum und der Weltwirtschaft ebenso. Der Euro ist zur Zeit natürlich unterbewertet. Das ist ganz klar.

Auf dem Herbsttreffen von IWF und Weltbank in Prag soll es - und dies ist ein anspruchsvolles Bemühen - auch um eine neue Finanzarchitektur gehen. Dahinter verbirgt sich ja wohl eine Art Vision, eine Vorstellung, die weit in die Zukunft reicht. Wenn man aber noch nicht mal erklären kann, warum es bestimmte Krisenerscheinungen und negative Entwicklungen gab und noch immer gibt, wie kann man dann sich an den Bau einer neuen Finanzarchitektur machen?