Hier war ich schon mal.

Déjà-vu, »schon gesehen«, lautet der Fachausdruck für eine so genannte Erinnerungstäuschung. Vielleicht ist es aber auch so, dass damals, als die Welt erschaffen wurde, alles noch einmal in Kopie hergestellt worden ist, nur so, zur Sicherheit. In irgendeiner abgelegenen Ecke staubt das vor sich hin, aber wenn man darauf stößt, ist die Erinnerung wieder da. Eddystone heißt ein Leuchtturm, 14 Seemeilen vor Englands Küste, wo der Kanal in den rauen Atlantik mündet. Viermal wurde Eddystone Lighthouse wieder aufgebaut, nachdem das Original mitsamt Architekt 1703 von den Wellen verschlungen wurde. Und dann eben noch ein fünftes Mal. Weit weg, in Tasmanien. Man könnte sagen: Déjà-bâti, »schon mal gebaut«.

Richtung Süden streckt sich vom Eddystone Point Sandstrand. Rechts Dünen, links Brandung. Man kann die Schuhe ausziehen und einfach loslaufen. Das Wasser ist kalt. Der Sand weiß und geriffelt. Plötzlich batzenförmige Fußabdrücke, mit Klauenspuren vorne dran. Man reist natürlich nicht nach Tasmanien, ohne vom Tasmanischen Teufel gehört zu haben. Sarcophilus harrisii, das größte Fleisch fressende Beuteltier jenseits des Äquators. Schwarzes Fell, scharfes Gebiss, übler Charakter. Wenn sich der Teufel aufregt, und das tut er häufig, bekommt er vor Wut knallrote Ohren. Lärmt und schreit und tobt. Ein erwachsenes Exemplar, groß wie ein kleiner Hund, kann in weniger als 30 Minuten bis zu 40 Prozent seines Körpergewichtes fressen. Vorzugsweise Aas. Was nicht heißt, dass der Tasmanische Teufel wählerisch wäre: Im Magen eines obduzierten Tieres fand man einmal 27 spitze Stachelschweinborsten, einen Topfschwamm aus Stahlwolle, den Kopf einer giftigen Tigerschlange, eine Socke, einen Kängurufuß samt Schlinge, Teile eines Hundehalsbandes, diverse Ansammlungen von Aluminiumfolie, Plastik und Styropor, Fischgräten, Eulenfedern, einen halben Kugelschreiber sowie eine Zigarettenkippe.

Am Eddystone Point ist in der Nacht ein Teufel an den Strand gerannt. Hat innegehalten, sich auf die Hinterpfoten gestellt, herumgeschnüffelt. Und dann, man sieht seine Spur deutlich, ist er zurück in den Busch. Zu den anderen Beuteltieren, den Wallabys, den Wombats. Alle drei sieht man auf tasmanischen Straßen übrigens häufig, als Opfer des tasmanischen Verkehrs. Erst wird ein Wallaby oder ein Wombat platt gefahren. Dann kommt der Teufel, um sie zu fressen. Und wird ebenfalls platt gefahren. Es gibt aber in der Nähe der Hauptstadt Hobart auch einen Zoo, in dem ein paar zahme Exemplare geknuddelt werden können.

Die sauberste Luft des ganzen Planeten

Weiter am Strand. Der Himmel gibt sich finster. Dunkel kann der Himmel sein, beinahe schwarz, und dann bricht auf einmal Sonnenschein durch ein Wolkenloch, dass es den Anschein hat, das Land leuchte von unten heraus aus sich selbst. In seinem zweiten Roman (The Sound of One Hand Clapping, 1997) schildert der tasmanische Schriftsteller Richard Flanagan, wie es die Tochter eines versoffenen Bauarbeiters nach 30 Jahren zurück auf die Insel im Südpazifik verschlägt: »Etwas hatte sie gepackt, zog ihr die Eingeweide zusammen, eine Sehnsucht, wie sie anfangs glaubte, merkwürdig, groß und seltsam wie der Himmel. Ein Verlangen, noch einmal dieses besondere Licht zu sehen, dieses fremde Licht, wie von einem Negativ, der Himmel Pech und die Erde Karmingold, nichts als Schatten hielten beides zusammen.«

Wo die lang gezogene Dünung sich bricht, sieht man gelegentlich Delfine. Manchmal surfen sie dicht unterhalb der Wogenkämme wie professionelle Wellenreiter. Manchmal fährt man um die halbe Welt, fällt in eine Art Loch und fragt sich: Was mache ich hier?