Wenn Thomas Ruff [1] in seinem Internet-Browser das Suchwort »Sex« eingibt, tut er es nicht aus Lust auf Pornografie, sondern im Dienst der Kunst. Auf einer japanischen Website klickt er sich zu Fotos, auf denen Frauen die Röcke heben; bei einer anderen Homepage betrachtet er Nackte in Lederfesseln. Und selbst wenn er in der Tiefe des Datenraums auf Bilder muskulöser Männer in inniger Umarmung stößt, bewegt sich keine Wimper hinter der viereckigen Intellektuellenbrille: Jedes dieser Fotos bringt, von Ruff künstlerisch bearbeitet und großformatig ausgedruckt, in Galerien mehr als 20 000 Mark.

Der Düsseldorfer ist einer der ersten Fotokünstler, die sich für digitale Techniken begeistern. Bei Aufnahmen benutzt er zwar meistens noch eine alte Plattenkamera mit postkartengroßen Negativen, doch er bearbeitet fast alle seiner Bilder am Computer. Und er beweist, dass man auch mit verwaschenen, grob gerasterten Fotos aus dem Internet Kunst machen kann: Er verwandelte Pornofotos in Bilder, die an alte Aktmalereien erinnern; die Serie heißt schlicht Nudes.

Für den 42-Jährigen, der mit klassischen Porträts bekannt wurde, ist die digitale Fotografie eine wunderbare Revolution: »Am Computer kann ich Bildteile duplizieren und verschieben - so befreit sich die Fotografie von der Beschränktheit der Kamera.« Geht dabei nicht das Authentische verloren? Ruff bezweifelt, dass es wahre Abbilder überhaupt gibt: »Fotografen manipulieren immer. Früher taten sie das vor der Aufnahme, jetzt tun sie es hinterher.«

Bereits Ende der achtziger Jahre lernte Ruff die ersten digitalen Tricks - aus Leiden an der Realität. Er hatte sein Studio verlassen, um Häuser zu fotografieren, und stellte fest: »Da stehen ja Autos und Straßenschilder im Weg.« Nach langer Suche fand er in der Schweiz eine Firma mit genügend Rechenkapazität für seine vier Quadratmeter großen Bilder; heute entfernt Ruff störendes Beiwerk mit seinem alten Apple Macintosh.

Er fand heraus, dass man den Computer auch »als bessere Schere« benutzen kann, bastelte Collagen im Stil von John Heartfield und färbte auf Architekturfotos Gebäude von Mies van der Rohe neu ein. Nun entdeckt er den Charme pixeliger Bilder, die Ästhetik »schön gerechneter« Bytes. Und er freut sich, wenn Leute vor seinen verschwommenen Nackten stehen und sich fragen: »Sind das denn Fotos?«

Dann hat er wieder jemanden so weit, den uralten Irrglauben infrage zu stellen, man blicke »durch Fotos direkt in die Wirklichkeit«.