DIEZEIT: Herr van der Veer, die Preise für Benzin und Heizöl sind europaweit zu einem Politikum geworden. Hätten Sie je geglaubt, dass Produkte von Shell und von anderen Ölmultis demokratisch gewählte Regierungen derart in die Bredouille bringen können?

JEROENVAN DER VEER: Zunächst einmal sind ja die Verbraucher in Schwierigkeiten geraten. Sie sind überraschend mit einem ziemlich abrupten Preisanstieg konfrontiert worden. Und sie sehen keine Möglichkeiten, ihre Verbrauchsgewohnheiten dem neuen Preisniveau rasch anzupassen.

ZEIT: Deshalb üben die Menschen nun Druck auf die Regierungen aus.

VAN DER VEER: Na ja, die Verbraucher wissen eben, dass sich an den gestiegenen Rohölpreisen nichts ändern lässt. Das sind Weltmarktpreise. Aber sie wissen eben auch, dass in den Preisen ein großer Anteil Steuern enthalten ist. Deshalb wendet sich die Öffentlichkeit an die Regierungen.

ZEIT: Aber Sie wollen doch im Ernst nicht leugnen, dass die Ölkonzerne sich mit den hohen Rohölpreisen momentan goldene Nasen verdienen.

VAN DER VEER: Was die eigene Öl- und Gasförderung betrifft, so verdienen wir in der Tat mehr. Das ist aber nur die halbe Geschichte. Unser weltweiter Ölabsatz beträgt täglich mehr als 5 Millionen Fass à 159 Liter; wir selbst holen aber nur rund 2,3 Millionen Fass aus dem Boden. Das heißt: Mehr als die Hälfte des Öls, das wir verkaufen, müssen wir selbst zu Weltmarktpreisen einkaufen. Deshalb laufen momentan weder unsere Raffineriegeschäfte noch der Absatz unserer Produkte besonders gut. Die Margen sind ziemlich zusammengequetscht worden.

ZEIT: Trotzdem ist der Gewinn von Shell in den ersten sechs Monaten dieses Jahres auf 6,1 Milliarden US-Dollar geschnellt. Während die Verbraucher stöhnen, werden Sie am Ende des Jahres einen Rekordgewinn eingefahren haben.