Man soll die Zukunft nicht durch einen Mangel an Fantasie beleidigen. Ich bekenne: In puncto deutsche Einheit habe ich gegen diese französische Weisheit verstoßen. Ende der achtziger Jahre konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich die Wiedervereinigung noch zu meinen Lebzeiten vollziehen würde. Dies war ein Irrtum.

Viele waren in diesem Irrtum befangen. Dafür nur zwei Beispiele:

Erstes Beispiel: August 1989. Willy Brandt nimmt an der Tagung des Interaction Council in der koreanischen Hauptstadt Seoul teil. Dabei wird er gefragt, ob der stürmische Wandel in Osteuropa bedeute, dass Deutschland bald wiedervereinigt werde. Die Antwort des Mannes, der keine zehn Wochen später den historischen Ausspruch tat: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört!", fällt noch sehr verhalten aus: "Wenn nicht in diesem Jahrhundert, dann früh im 21. Jahrhundert ..."

Zweites Beispiel: 9. November 1989. Bundeskanzler Kohl ist auf Staatsbesuch in Warschau. Am späten Nachmittag trifft er sich mit den beiden Solidarnosc-Führern Lech Walesa und Bronislaw Geremek. Walesa stichelt: Warum sich denn die Deutschen so schafsgeduldig mit der Teilung ihres Landes abfänden? Kohls Erwiderung: "Ich erstrebe die Wiedervereinigung mit allen Fasern meines Herzens, aber ich werde sie nicht mehr erleben, Geremek auch nicht. Sie, Walesa, sind einige Jahre jünger als ich - Sie könnten vielleicht noch Zeuge der deutschen Wiedervereinigung werden." Danach sitzt Kohl in seiner Gästevilla, auf dem Sprung zum Staatsdinner im Präsidentenpalais des Generals Jaruzelski. Da wird ihm aus Bonn die elektrisierende Nachricht mitgeteilt: Die Berliner Mauer ist offen!

Was damals geschah, hat alle überrascht. Der Kollaps des Kommunismus überraschte die Rechten, die das Sowjetsystem - "the evil empire" - in seiner Fähigkeit auch zum Bösen für unabänderlich hielten. Er überraschte zugleich die wenigen übrig gebliebenen Marxisten, die im Kreml noch immer den Hort einer überlegenen Ideologie sehen wollten. Und es überraschte jene Realisten, die zwar nicht an den endlichen Sieg der Marxschen Lehre glaubten, die aber aus der geschichtlichen Erfahrung in vierzig Jahren Kalten Krieges den Schluss gezogen hatten, es werde noch Jahrzehnte dauern, bis der Eiserne Vorhang dem Rostfraß erläge. Zu diesen letzteren zählte ich mich.

Gewiss, im Jahre 1988 verbreitete sich mit einem Mal das Gefühl, der Kalte Krieg sei vorüber. In der Sowjetunion gewannen die Perestrojka und Glasnost konkrete Umrisse: Politische Häftlinge wurden aus Gefängnissen und Lagern entlassen; die Rote Armee zog sich aus Afghanistan zurück; beim 19. Parteikongress im Sommer rückte Gorbatschow von der Breschnew-Doktrin ab und billigte den Völkern des sowjetischen Imperiums die "Freiheit der Wahl" zu; die Streitkräfte wurden reduziert, die Verteidigungsausgaben gekürzt, die sowjetischen Truppen in der DDR, der Tschechoslowakei und Ungarn ausgedünnt. Und im Dezember verkündete Gorbatschow vor der UN-Vollversammlung, die Anwendung von bewaffneter Gewalt oder die Drohung damit sei kein Instrument der Moskauer Außenpolitik mehr.

Aber war dem Frieden wirklich zu trauen? War der Einsatz von Militär zur Niederschlagung freiheitlicher Regungen in Osteuropa tatsächlich schon unvorstellbar - zumal in Ostdeutschland, der westlichen Machtbastion des Kremls, mit der die Staaten des Warschauer Paktes in der eisernen Klammer der Botmäßigkeit gehalten werden konnten? Galt auch für die DDR, was der Kremlherr den anderen Osteuropäern in Aussicht stellte: das Recht auf Selbstbestimmung? Und bezog sich dieses Recht nicht in Wahrheit bloß auf den jeweils eigenen Weg zum Sozialismus, keineswegs jedoch auf die Option, dem Sozialismus überhaupt den Rücken zu kehren und aus dem Sowjetimperium auszuscheren?