Beucher: Herr Beucher, vor vier Jahren war Deutschland auf Platz 4. Jetzt ist Platz 8 wahrscheinlich das, was am Ende mehr oder weniger herauskommt. Platz 4 ist nicht mehr drin. Ähnlich wie in vielen Weltwirtschaftsranglisten die Frage: ist Deutschland nur noch Mittelmaß?

Beucher: Nein. Man muss sich, wenn es auch keiner wahr haben will, von den Medaillenspiegeln lösen können. Wer heutzutage bei Olympia vierter, fünfter oder sechster wird, gehört zur Weltspitze. Es sind manchmal nur Hundertstelsekunden, wo es sich entscheidet, ob jemand Gold bekommt oder fünfter wird. Das muss bei dieser ganzen Diskussion natürlich mit berücksichtigt werden.

Gerner: Ein ungewöhnlich großer Teil der Medaillengewinner kommt oder ist aufgewachsen im Osten der Republik. Profitieren wir dort vom DDR-Erbe und wie lange noch?

Beucher: Wir profitieren mit Sicherheit vom DDR-Erbe, was die Tradition der Kinder- und Jugendsportschulen der früheren DDR angeht. Dort sind 32 sportbetonte Schulen, die wir heute haben, davon 22 auf dem Gebiet der neuen Länder und 10 auf dem Gebiet der alten Länder, für ein flächendeckendes Nachwuchs-Sichtungssystem offensichtlich zu wenig. Das ist eine der Herausforderungen, denen wir uns auch sportpolitisch nach Olympia 2000 zu stellen haben.

Gerner:Franziska van Almsick und der zweimalige Olympiasieger im Bahnradsprint Robert Bartko bedauern die Zerschlagung des DDR-Sportsystems. Haben Sie Sympathie dafür?

Beucher: Pauschal kann man vom DDR-Sportsystem und dessen Zerschlagung nicht reden. Wenn ich heutzutage in der Weltspitze mitfahren, mitlaufen, mitspringen will, dann muss ich sehr früh die möglichen Spitzenathleten herausfiltern. Ich muss praktisch schon im Kindergarten und in der Grundschule sehen und aussuchen können. Dass es dort beim Talentsichtungswettbewerb Defizite gibt, das kann man nicht wegdiskutieren.

Gerner: Das heißt, Herr Beucher, um das auf den Punkt zu bringen, Sie fordern verstärkte Elitenführungen schon im jungen Alter?