Deutschland befindet sich in einem kräftigen Aufschwung, der nach der Verabschiedung der Steuerreform auch im kommenden Jahr anhalten dürfte. Mit dem ausgeprägten Wachstum ist die Zahl der Arbeitslosen deutlich zurückgegangen. Mittlerweile liegt sie bei gut 3,7 Millionen und damit um fast 1 Million unter ihrem höchsten Stand von 1997. Befindet sich Deutschland also nach Jahrzehnten hoher Arbeitslosigkeit wieder auf dem Weg zur Vollbeschäftigung?

Genau dies wird vielfach bestritten - nicht nur für Deutschland, sondern für den Euro-Raum insgesamt. Der Großteil der Arbeitslosigkeit, so das Argument, sei strukturell bedingt. In einfache Worte gefasst: Die Unternehmen brauchten zwar aufgrund des Aufschwungs zusätzliches Personal, stellten aber die derzeitigen Arbeitslosen nicht ein, weil sie ihnen zu unflexibel oder zu wenig qualifiziert sind. Demnach befänden wir uns in einer paradoxen Situation, in der gleichzeitig ein Mangel und ein Überschuss an Arbeitskräften existieren. Auch ein noch so starkes Wachstum würde in dieser Situation allein nicht helfen. Ohne tief greifende strukturelle Reformen, insbesondere ohne weitere Deregulierung des Arbeitsmarktes sei der Weg zur Vollbeschäftigung blockiert - so die These.

Diese verbreitete Sichtweise ist jedoch äußerst zweifelhaft. Angenommen, es gäbe in Deutschland oder ganz Europa eine hohe strukturelle Arbeitslosigkeit.

Es bestünde also ein genereller Mangel (nicht nur in wenigen Teilbereichen wie der Computerindustrie) an ausreichend qualifizierten, flexiblen und mobilen Arbeitskräften. Dann könnten diejenigen, die die hohen Anforderungen der Unternehmen erfüllen, höhere Löhne durchsetzen. Gravierende strukturelle Probleme auf dem Arbeitsmarkt würde man also daran erkennen, dass trotz hoher Arbeitslosigkeit die Löhne deutlich steigen. In diesem Fall wären erstens strukturelle Reformen am Arbeitsmarkt tatsächlich unumgänglich.

Da die Gefahr bestünde, dass die steigenden Löhne auf die Preise durchschlagen, müsste zweitens die Europäische Zentralbank frühzeitig in Aktion treten. Sie sollte in diesem Fall auf die Konjunkturbremse steigen und die Zinsen erhöhen, um Inflationsgefahren rechtzeitig zu begegnen. Leidiger Nebeneffekt: Sie würde dadurch auch das Wirtschaftswachstum verringern.

Das Bild eines von Strukturproblemen geplagten Deutschlands voll von unflexiblen und immobilen Arbeitslosen ist weit verbreitet. Aber entspricht es auch der Realität? Wenn man auf die Lohnentwicklung schaut, bekommt man Zweifel. In Deutschland sind die Lohnabschlüsse seit dem Abklingen des Vereinigungsbooms ausgesprochen moderat. Die Unternehmen konnten sie in den vergangenen Jahren mühelos verkraften, ohne an Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen. Dies zeigt sich nicht zuletzt an der grandiosen Exportleistung der deutschen Wirtschaft. Ähnlich ist die Entwicklung im Euro-Raum. Insgesamt sind die Löhne trotz mittlerweile merklich steigender Beschäftigung nach wie vor weit davon entfernt, die Konkurrenzfähigkeit der europäischen Unternehmen zu beeinträchtigen. Von Inflationstendenzen ganz zu schweigen. So muss festgestellt werden: Das Ausmaß der strukturellen Arbeitslosigkeit ist offensichtlich viel geringer, als bisher angenommen. Der Ruf nach weiterer Deregulierung ist verfrüht.

Deshalb darf die Europäische Zentralbank jetzt keinen Fehler machen: Es gibt keinen Grund, die Zinsen zu erhöhen. Ein länger anhaltendes und kräftigeres Wachstum ist möglich, ohne dass Gefahren für die Wettbewerbsfähigkeit und die Preisstabilität entstehen. Die Vereinigten Staaten haben es vorgemacht. Auch dort schätzte man Anfang der neunziger Jahre das Ausmaß der strukturellen Arbeitslosigkeit hoch ein. Als dann die Wirtschaft einen starken Aufschwung erlebte, reagierte die Zentralbank besonnen. Sie ließ sich nicht verleiten, als Folge von verbesserten Konjunkturlage und vermeintlicher Strukturprobleme vorschnell Inflationsgefahren anzunehmen und die Zinsen zu erhöhen.