Von wegen frohe Botschaft aus Utopia. Keine Spur von Idyllik auf Prosperos Eiland, kein heiteres, harmonisches Finale, in dem der alte Zauberer den Bösewichtern, die ihn einst vom Thron stürzten und auf dem Meer aussetzten, vergibt. Und null Romantik. Das letzte Kapitel in Shakespeares Insel-Drama ist zu Ende, die letzte Seite in Ricarda Beilharz' Bühnenbilderbuch umgeblättert. Prospero hat sich noch einmal die Fürsten und ihre Kamarilla vorgeknöpft (wie sie da im orchideenbunten Urwald stehen, sind sie alle, buchstäblich, von Pappe, keiner von Fleisch und Blut), jetzt wirkt er grau und müde. Zu müde, um seinen berühmten Epilog ans Publikum, die Bitte um den erlösenden Applaus, noch loszuwerden. Auf dem zugeklappten Folianten in der Mitte des leeren Raums legt Georg Martin Bode sich schlafen. Ariel, der Luftgeist, humpelt herein (die zierliche Silvia Fenz), ein Invalide, kümmerlich anzusehen mit seinen Stummelflügeln, einem bandagierten und einem geschienten Bein - mit letzter Kraft zieht er den Vorhang zu. Die Komödie ist aus.

Auch in seine dritte Spielzeit am Basler Theater ist Stefan Bachmann mit einem Shakespeare-Stück gestürmt. Nach Troilus und Cressida, nach dem Sommernachtstraum ist es nun, nomen est omen, Der Sturm. Und wieder macht der junge Basler Schauspielchef, dessen Bühne in diesen drei Jahren zu einer ersten Adresse für exemplarische Stadttheaterarbeit im deutschsprachigen Raum avanciert ist - wieder macht er seinem Ruf, immer und unter allen Umständen ein guter Unterhalter sein zu wollen, jede Ehre. Zugleich aber dementiert er die Skeptiker, die ihn auf die Rolle des Stimmungsfeuerwerkers, des Fassadentechnikers, des Gute-Laune-Typs festlegen wollen. Der Basler Sturm ist mehr als ein ironisches Lüftchen.

Zunächst freilich, in ihrem ersten Teil, hüpft die Inszenierung nur von Einfall zu Einfall. Überraschend im Einzelnen, das Übliche vermeidend - aber planlos doch, noch ohne Richtung. Der Schiffbruch der Hofgesellschaft, von Prosperos Rachedurst herbeigezaubert - die Regie zoomt das Seenotdrama zur Rezitation herunter: Bode, geheimnisvoll im Schummerlicht einer Taschenlampe, vermurmelt es in die Bühnennacht. Irgendwo in der Finsternis fährt auch Prosperos Tochter Miranda (Kathrin Wehlisch) empor aus schweren Träumen: Das Ungeheuer Caliban (Christoph Müller) hat sie an den Brüsten gefasst, ein wollüstiger Schauder durchzuckt sie, so unschuldig wird sie nicht sein, vorsichtshalber verkriecht sie sich in ihren Reifrock.

Dann bricht jäh das Licht herein, der gestrandete Hofstaat steht Spalier vor leuchtendem Weiß: drollig anzusehen in seinen bunten Renaissancekostümen, mit den riesigen Halskrausen. Und wieder ein Bild- und Zeitensprung: Prosperos Eiland mutiert zur Urlaubsinsel. Rudi Carrell singt, Ballermann winkt, T-Shirts und Bier brutal. Caliban, der Einheimische, verbrüdert sich mit dem dürren Trinculo aus dem Ruhrpott (Klaus Brömmelmeier) und dem hessischen Kampftrinker Stephano (Tilo Nest). Das Saufen, Rüpeln und Rülpsen will kein Ende nehmen.

So virtuos gespielt, so zerstückt inszeniert. Erst nach der Pause kommt Bachmann zur Sache, zum Thema. "O schöne neue Welt, die solche Menschen trägt": Mirandas Worte, eigentlich ihrem Traumpartner Ferdinand zugeeignet (Roberto Guerra, ein Schönling im Batman-Look), bekommen einen bösen Hintersinn. Die Insel wird zum Dschungel, zum Menschenzoo, zur Zucht- und Züchtigungsanstalt. Was hieße es denn unter heutigen Bedingungen, fragt Bachmann, wenn Prospero die Menschen, über die er jetzt Macht ausübt, bessern, zivilisieren, zum Guten abrichten wollte?

Tierisch unernst, humanistisch ernst wird es nun. Zwei finstere Gorillas lagern in der Szene (erst später merkt man, dass sich unterm Fellkleid Prospero und Ariel verbergen), Hawaii-Musik schäumt, Caliban cremt sich pechschwarz ein, der Hofstaat, mit nichts als Unterhose und Papierkragen bekleidet, tritt zur Fütterung an, und die Gorillas führen Miranda und Ferdinand in Ketten vor - ihnen wird die lustvolle Nähe verweigert, nur eine künstliche Besamung verpasst. Schließlich der Höhepunkt der Groteske: Maulheld Stephano hebt plötzlich an zur großen Belehrung, endlos schwadroniert er von der Verhaustierung und Bestialisierung des Menschen, von Humanismus und Faschismus, von Heidegger und Nietzsche - Zitate aus Sloterdijks Rede vom Menschenpark. "Noch ein Biersche, Bimbo!"

Schöne neue Welt - verkehrte neue Welt! Der permanente Rollentausch, die Zwittrigkeit von Gut und Böse - das irritiert mächtig. Der Mensch als schlechter Affe, der Affe als besserer Mensch? Prospero, der Menschheitsbeglücker, ein Menschenschinder? Stephano, der dumpfe Spießer, ein Philosoph? Rassismus und Political Correctness im gleichen Atemzug? Alles geht kreuz und verquer, die Logik zerfällt, das Durcheinander nervt. Die Kategorien, möchte man mit Büchners König Peter aufstöhnen, sind in der schändlichsten Verwirrung.