Leben wir nicht längst in der besten aller Gesellschaften? Oder möchten wir in einer anderen Zeit leben? In meiner Jugend schwärmten viele von der "guten alten Zeit" - heute wünschen sich gerade die Älteren, später geboren zu sein, um dank neuer Therapien noch besser und länger zu altern. Und wie wäre es mit einem anderen, besseren Ort? Zwischen Toscana und Costa del Sol suchen diejenigen Zuflucht, für die die Bundesrepublik eine schlechte Gesellschaft ist, weil hier die Sonne zu niedrig steht und der Steuersatz zu hoch. Im vergangenen Jahr wanderten 116 000 Deutsche aus. Aber 200 000 kamen zurück. Und Hunderttausende von Umsiedlern und Ausländern drängen nach Deutschland: Sie stimmen mit den Füßen ab - für die bessere Gesellschaft.

Dennoch, was das Beste ist, wissen wir nie. Mit Bestimmtheit können wir nur sagen: Da Gesellschaften aus vielseitigen moralischen Gefühlen bestehen, kann die einseitige Erfüllung eines einzelnen Wertes nicht das Beste sein. Da nicht alles Wünschbare erfüllt werden kann, verwirklicht sich die gute Gesellschaft durch die Nichtverwirklichung von Werten. Wie sie die Nichtverwirklichung verschiedener Werte aufeinander abstimmt und annehmbar macht, daran misst sich ihre Qualität.

Seit längerem verfehlt die Bundesrepublik einen ihrer Leitwerte - Arbeit für alle! - sehr deutlich. In Verbindung mit hoher technologischer Neuerungsrate, hohen Bildungsanforderungen und hohen Löhnen ist die hohe Produktivität die Ursache für hohe Arbeitslosigkeit - und macht diese zugleich erträglich.

Hinzu kommt ein historisch einmaliger Faktor: Mit der Wiedervereinigung wurde der Osten Deutschlands von niedrigstem auf hohes Produktivitätsniveau katapultiert

das Übel Arbeitslosigkeit ist der Preis für hohes Neuerungstempo. Die Ostdeutschen zahlen damit für das Gut der Wiedervereinigung. Akzeptabel wird das nur durch sozialstaatlich institutionalisierte Solidarität.

Was die Bundesrepublik als sozioökonomisch gute Gesellschaft erscheinen lässt, ist eine Balance in der Verwirklichung der Werte Leistung und Wohlstand einerseits, soziale Sicherheit und Gerechtigkeit andererseits. Über ein halbes Jahrhundert hinweg lassen die Statistiken eine erstaunliche Kontinuität des Wachstums und eine Stabilität der Einkommensverteilung erkennen. Es gibt ein deutsches Muster der (Nicht-)Wertverwirklichung: Leistungssteigerung um den Preis der Arbeitslosigkeit, beides vermittelt durch den ausgleichenden Sozialstaat. In den USA heißt die Gleichung: Leistungssteigerung und Vollbeschäftigung, beides vermittelt durch niedrige Löhne und soziale Ungleichheit.

Dass Leistungssteigerung im Wettbewerb immer auch leistungsvernichtende Folgen hat, sah Georg Simmel bereits vor 100 Jahren: "Auch die positive und wertvolle Leistung fällt ungenutzt und unbelohnt ins Nichts, sobald eine wertvollere oder wenigstens anziehendere mit ihr konkurriert." So auch bei anderen Steigerungen des Guten: Sie bringen Unerwünschtes hervor. Mit der heute geforderten gesteigerten Verwirklichung fast aller Werte, vom Wohlstand über die Freiheit bis zur Gerechtigkeit, werden immer auch Werte verwirkt.