Schützt Europa vor "rechts"? Die Erfahrung scheint anderes zu belegen.

Europa lässt sich so wunderbar nutzen, um Ressentiments zu mobilisieren.

Gegen Brüssel, die Fremdbestimmung, anonyme Strukturen, gegen der Verlust der eigenen Identität. Der Historiker Ian Kershaw, der in Berlin den zweiten Teil seiner großen Hitler-Biografie (1936-1945), DVA, vorlegte, stellte das Argument beherzt vom Kopf auf die Füße: Wenn es gelingt, die europäische Integration weiter voranzutreiben, werde die Möglichkeit immer geringer, "dass Außenseiter die Macht ergreifen können". Auf die Frage, wie er als Kenner des Nationalsozialismus den Rechtsextremismus von heute einschätze, erwiderte der Professor aus Sheffield bescheiden: Das Buch ist eine eigene Geschichte, er wisse darüber nicht mehr als "der Nächste". Aber: Er finde den Trend in einigen europäischen Ländern, Frankreich, Österreich, Italien, auch Deutschland, "mehr als bedenklich, wenn auch nicht bedrohlich".

Leute wie Jörg Haider, so Kershaws Urteil, versuchten nicht, die Demokratie über Bord zu werfen. "Die Strukturen in Europa halte ich für relativ gefestigt". Allerdings nähmen die rechten Politiker zunehmend Einfluss auf die Konservativen, auch in England.

Das kann man so sagen. "Die Türkei ist kein europäisches Land", stellt beispielsweise Edmund Stoiber fest. Zwar ist das ein Satz, den Jörg Haider so öffentlich nicht formulieren würde. Dazu ist er zu vorsichtig. Aber richtig ist schon, dass Politiker wie er Einfluss auf die Konservativen nehmen, in diesem Fall auf Stoiber. Stoiber hat offensichtlich solche Vorsicht nicht nötig, das kennt man aus früheren Bemerkungen von ihm zur deutschen Rassereinheit

denn er gilt ja nicht als "deutscher Haider", wie überhaupt Einverständnis darüber herrscht, dass es den nirgendwo gebe. Gibt es einen Haiderismus ohne Haider? Immerhin war Stoiber der erste Unionspolitiker, der die Wiener Koalition aus ÖVP und FPÖ herzlich begrüßte, während Wolfgang Schäuble noch zu bremsen versuchte. Und die CSU applaudierte spontan Günter Verheugen, als der laut über ein Referendum zum Beitritt Polens nachdachte.

Da ahnt man, was rumort.