An der Lübecker Herrenbrücke gilt Tempo 40 - eigentlich. Wenn ein Schiff naht und die Fahrbahn hochgeklappt wird, dann sind Stau, dicke Luft und schlechte Laune angesagt. Die Verbindung nach Travemünde, immerhin Teil der Bundesstraße 75, gilt als baufällig. Die Stadt wollte einen Tunnel anstelle einer neuen Brücke, doch dem Bund fehlt dafür das nötige Kleingeld. Der Ausweg: Privatinitiative. Ein von den Baukonzernen Hochtief und Bilfinger + Berger gebildetes Konsortium erhielt die Konzession für Bau und Betrieb eines Tunnels. Der Bund steuert zur Investition von mehr als 300 Millionen Mark 175 Millionen bei. Kosten für die Stadt Lübeck: keine.

Baubeginn: Frühjahr 2001.

Nördlich von Rostock sind bereits die Bagger angerückt. Dort wurde am 2.

Dezember 1999 Deutschlands erstes privat finanziertes Straßenbauprojekt gestartet: der Warnow-Tunnel von Schmarl nach Oldendorf. Zwischen Rostock und dem Seebad Warnemünde gibt es keine Brücke, zwei Fähren packen den Verkehr nicht. Jetzt baut der französische Konzern Bouygues einen Tunnel und wird ihn auf eigenes Risiko betreiben.

Die beiden Tunnel von Lübeck und Rostock sind bisher einmalig in Deutschland - und das ist erstaunlich. Denn bereits seit 1994 existiert eine gesetzliche Grundlage mit dem schönen Titel Fernstraßenbauprivatfinanzierungsgesetz oder FStrPrivFinG. Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich eine Idee mit Zukunft. Das meint zum Beispiel die Pällmann-Kommission, die Anfang des Monats ihren heiß diskutierten Bericht vorlegte. Zwölf Verkehrsexperten unter der Leitung des ehemaligen Bahn- und Telekom-Managers Wilhelm Pällmann sollten die Frage beantworten: Wie lässt sich die Verkehrsinfrastruktur bei leeren Staatskassen finanzieren? Die Antwort: Von den Benutzern.

"Die Finanzierung der Bundesverkehrswege", so heißt der Schlüsselsatz bei Pällmann, "sollte von der bisher praktizierten Haushaltsfinanzierung konsequent auf Nutzerfinanzierung umgestellt werden." Das heißt, dass Autofahrer Maut bezahlen sollen, die Einnahmen aus der Gebühr dann ausschließlich für den Straßenbau verwendet werden. Verkehrsminister Reinhard Klimmt versichert, für Personenwagen komme das nicht infrage. Aber die Brummis werden schon 2003 zur Kasse gebeten. Und dann sieht man weiter.

Auf italienischen, spanischen und französischen Autobahnen ist der Stopp an der Mautstelle für alle motorisierten Verkehrsteilnehmer seit Jahren lästige Gewohnheit. Lkw dürfen auch in Deutschland (wie in den Beneluxländern, Dänemark und Schweden) nur mit Vignette auf die Autobahn, in Österreich und der Schweiz gilt das für alle Auto- und Motorradfahrer. Aber der Trend geht zur privaten Finanzierung der Straßen. Und was privat finanziert ist, soll auch privat betrieben werden. Auch das ist in Frankreich Alltag. Die Autobahnen des Landes sind von acht Konsortien gebaut und betrieben, an denen private Partner zumindest beteiligt sind. Die profitable Gesellschaft Cofiroute, die Teilstrecken zwischen Paris und der Bretagne betreibt, hat sogar ausschließlich private Anteilseigner. Und selbstverständlich gilt die Regel: Wer finanziert, kassiert.